"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Sonntag, 20. Mai 2018

Strandgut der Woche

Freitag, 18. Mai 2018

Willkommen an Bord der "Liberator" – S02/E08: "Hostage"

Der Beginn von Hostage verdeutlicht noch einmal sehr schön, dass die vorangegangene Episode Killer ein klassischer Lückenbüßer war, und es wundert einen nicht, wenn man erfährt, dass Robert Holmes' Folge ihren Platz ursprünglich vor den Ereignissen von Pressure Point und Trial haben sollte. Der Aufhänger der Story in Killer war ja der Diebstahl einer Dechiffriemaschine gewesen, mit deren Hilfe die Liberator ihren Verfolgern in Zukunft leichter ausweichen könnte. Hostage jedoch startet mit dem bislang massivsten Angriff eines Föderationsgeschwaders auf das Schiff unserer Helden & Heldinnen in der Geschichte von Blake's 7. Einzig die überlegene Geschwindigkeit der Liberator rettet sie noch einmal davor, von den Strahlenkanonen ihrer Gegner pulverisiert zu werden.

Kein schlechter Auftakt für die Episode.

Die Liberator ist der Gefahr gerade erst entronnen, da erreicht sie eine verschlüsselte Funknachricht von niemand anderem als unserem alten Freund Travis. Der ehemalige Space Commander ist seit dem Ende von Trial ja gleichfalls ein von der Föderation gejagter Renegat und bietet Blake deshalb ein Bündnis an. Um seinem Anliegen etwas Nachdruck zu verleihen, hat der einäugige Psychopath allerdings auch gleich mal Inga, die Tochter von Blakes totgeglaubtem Onkel Ushton, als Geisel genommen und droht die junge Frau zu töten, falls die Liberator nicht umgehend Kurs auf die ehemalige Sträflingskolonie Exbar nimmt, um sich dort mit ihm zu treffen.
Im Grunde hält keiner an Bord Travis' Angebot für sonderlich glaubwürdig. Nur Vila ist sich da nicht ganz so sicher. Avon geht sogar so weit, zu erklären, es sei für alle Beteiligten das Beste, wenn der Exoffizier mit der Augenklappe möglichst bald in die Hände der Föderation fallen würde.
Aber natürlich kann Blake Inga nicht einfach ihrem Schicksal überlassen.
Und während sich die Liberator nach Exbar aufmacht, kommen wir in den Genuss einer famosen Szene in Servalans Hauptquartier.

Blakes Überraschungsangriff in Trial und Travis' Flucht haben die Position der Obersten Befehlshaberin gegenüber ihren Rivalen in der zivilen Führungsriege weiter geschwächt. Das wird deutlich, als mit Counsellor Joban (Kevin Stoney) ein Politiker auf die Station kommt, der selbst zu jener Gruppe gehörte, die Servalans Aufstieg aktiv unterstützte, ihr jetzt aber sehr deutlich zu verstehen gibt: "I would not like to think I might have been wrong in my choice."
Inhaltlich bietet die Szene zwar nichts neues, aber es ist stets ein Vergnügen, Jacqueline Pearce im verbalen Duell mit einem ebenbürtigen Kontrahenten zu erleben. Und Kevin Stoney, der Freundinnen & Freunden der britischen TV-Phantastik u.a. aus Doctor Who (1965/66; 1968; 1975), The Avengers (1967), The Prisoner (1967) I, Claudius (1976) und Quatermass (1979) bekannt sein könnte, gibt einen wirklich formidablen Sparring Partner für die Oberste Befehlshaberin ab. Joban und Servalan sind zwei intrigante Schlangen, die ganz genau wissen, dass jeder von ihnen seinem Gegenüber ohne zu zögern einen Dolch in den Rücken stoßen würde, sobald dies opportun erschiene. Und keiner lässt den anderen hierüber im Dunkeln, ohne dabei je die Maske charmant lächelnder Höflichkeit abzulegen.
Aber auch wenn Servalans Lage momentan nicht die rosigste ist, bietet sich ihr doch ein kleiner Lichtblick, als sie eine anonyme Funknachricht erreicht, in der ihr Exbar als  das Versteck des Renegaten Travis angezeigt wird. Schlau wie sie ist, vermutet die Oberste Befehlshaberin sofort, dass eine Verbindung zwischen der Botschaft und der Liberator besteht, und lässt allsogleich ein Raumschiff bereit machen, um sich selbst zu der ehemaligen Sträflingskolonie zu begeben.

Derweil ist die Liberator bereits im Orbit über dem Planeten angekommen. Avon beharrt weiterhin darauf, das Risiko sei zu groß, doch Blake lässt sich nicht von seinem Vorhaben abbringen, hinunter zu teleportieren. Doch was, wenn plötzlich Raumjäger der Föderation auftauchen sollten? "Then you'll have to leave me down there." – "That could happen.
Cally spürt deutlich, dass mit Avon irgend etwas nicht stimmt, spricht ihre Vermutung aber nicht offen aus. Also begibt sich Blake auf die Oberfläche, wo er schon bald auf Ushton (John Abineri) trifft, der ihm den Weg zu der alten Funkstation weist, in der Travis sein Lager aufgeschlagen hat. 
Je mehr Zeit verstrichen ist, desto nervöser wird Avon, bis er schließlich den für alle überraschenden Beschluss fasst, gleichfalls hinunterzugehen, begleitet von dem wenig begeisterten Vila.

Leider nimmt die Handlung von diesem Punkt an eine ziemlich voraussehbare Entwicklung. Hostage hätte eine sehr viel interessantere Episode werden können, wenn Travis seinen Vorschlag zu einem aus der Not geborenen Bündnis zumindest halbwegs ernst gemeint hätte. Spätestens seit Shadow wissen wir, dass Blake in der Wahl seiner Verbündeten nicht eben wählerisch ist. Gut möglich also, dass er sich darauf eingelassen hätte, zumindest für den Moment mit dem ehemaligen Space Commander zusammenzuarbeiten, was der Ausgangspunkt für manch spannende Komplikationen hätte werden können. Doch wie das letzte Drittel der zweiten Staffel leider recht deutlich zeigt, wussten die Autoren von Blake's 7 offensichtlich nicht so recht, was sie mit Travis anfangen sollten, nachdem sie ihn zum Renegaten gemacht hatten. Und so bleibt er im Modus des Superbösewichts gefangen. 
Wie alle von Anfang an vermutet hatten, ist das Ganze eine Falle, die der einäugige Schurke Blake gestellt hat, um zusammen mit einer Bande von "Crimos" ("Criminal Psychopaths") die Liberator zu kapern. Nicht besonders spannend. Positiv fällt dabei bloß auf, dass James Coyle als Molok einen wirklich gruselig überzeugenden irren Sadisten abgibt. Und natürlich ist es schön, zu sehen, wie Cally und Jenna den Kerl austricksen und ins All teleportieren. Auch die Styroporfelsen, mit denen die übrigen "Crimos" erledigt werden, besitzen ihren Charme. Weniger charmant, eher schon etwas creepy, ist die glücklicherweise bloß angedeutete romantische Beziehung zwischen Blake und Inga (Judy Buxton).

Der interessanteste Aspekt von Hostage ist einmal mehr Avon. Natürlich war er es, der die anonyme Nachricht an Servalan geschickt hat, in der Hoffnung, die Föderation werde vor der Liberator auf Exbar eintreffen und das Problem Travis ein für alle Mal aus der Welt schaffen. Als sein Plan nicht aufgeht, sieht er sich vor ein ernsthaftes Problem gestellt. In gewisser Hinsicht eröffnet sich ihm nun die Gelegenheit, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen und sowohl den Ex-Commander als auch Blake loszuwerden. Doch zu einem solch kaltblütigen Verrat ist er letztlich nicht fähig. Wenn er Blake gegenüber erklärt, "You are still assuming that we will risk our lives for you", dann will er ihm damit zu verstehen geben, dass der egomanische Freheitskämpfer nach den Ereignissen von Pressure Point und Gans Tod besser nicht mehr wie selbstverständlich von dieser Annahme ausgehen sollte. Doch am Ende tut er selbst genau das. Er riskiert sein Leben, um Blake zu retten.

Die Episode schließt mit der Wiederbegegnung von Travis und Servalan. Die Oberste Befehlshaberin verzichtet darauf, den Renegaten gefangen nehmen zu lassen. Offenbar glaubt sie, dass er ihr als heimlicher Verbündeter gegen Blake von größerem Nutzen sein könnte.

Sonntag, 13. Mai 2018

Strandgut der Woche

Samstag, 5. Mai 2018

Strandgut der Woche

Dienstag, 1. Mai 2018

"You were mean and cruel / Right from the start. / Now you really / Have no HEART."

Nachdem mir meine wundervolle englische Horror-Freundin Beth diesbezüglich vor kurzem eine strenge Rüge erteilte, habe ich mich umgehend daran gemacht, eine meiner vielen Wissenslücken zu schließen, und mir mit Tales from the Crypt (1972) den einzigen Portmonteau-Streifen von Amicus angeschaut, den ich bis dahin noch nicht gesehen hatte.*

Neben The Vault of Horror (1973; hier besprochen) ist dies die zweite Grusel-Anthologie der britischen Produktionsfirma, die auf den EC-Comics der 50er Jahre basiert, und außerdem der letzte Amicus-Streifen, bei dem der große Freddie Francis Regie führte. Anlass genug, einmal einen etwas umfassenderen Blick auf dessen künstlerische Laufbahn zu werfen.

Der am 22. Dezember 1917 im Londoner Stadtteil Islington geborene und 2007 verstorbene Filmkünstler dürfte den größten Teil seines Ruhmes der Arbeit als Kameramann verdanken. Als solcher gewann er neben vielen anderen Auszeichnungen zwei Oscars für Sons and Lovers (1960) und Glory (1989).

Seine Karriere in der Filmindustrie begann, als er mit sechzehn Jahren Lehrling des Standfotografen Louis Pothero wurde, was ihn erstmals auf das Gelände der späteren Ealing Studios führte. Ab 1936 arbeitete er u.a. als "Clapper Boy" {wie nennt man das eigentlich auf Deutsch?} und später als Kamerassistent in den Elstree Studios. Nach dem Ausbruch des Krieges und seinem Eintritt in die Armee wurde Francis Mitglied des Army Kinema Service (AKS) und arbeitete beim Dreh zahlreicher Trainingsfilme in den Wembley Studios mit. Er selbst erachtete die dabei gesammelten Erfahrungen für entscheidend: 
[T]hat is when I really started, I started operating and became a DP [Director of Photography], which was great. It took a war to do it, but one got a lot of training. 
Nach dem Ende des Krieges arbeitete Francis in der ersten Hälfte der 50er Jahre als Kameramann unter so bedeutenden Regisseuren wie Michael Powell & Emeric Pressburger, Carol Reed, John Huston und René Clément. Er erneuerte seine Freundschaft mit Kameramann Oswald Morris, der ihn bei Golden Salamander (1950), seinem ersten Film als DP, in sein Team aufnahm.
He was a wonderful operator, very experienced. On [John Huston's] Moulin Rouge (1952) we were expected to do all sorts of strange things with the camera. Freddie was throwing the very heavy three-strip Technicolor camera around very well and it was a great help to me because I was occupied lighting it. Our characters worked wonderfully well. Our interests were the same, we loved ribbing each other and there was great banter between us. Freddie was great.
Für Freundinnen und Freunde des phantastischen Films von besonderem Interesse dürfte seine Mitarbeit an The Tales of Hoffmann (1951) sein Powells & Pressburgers grandioser Adaption der auf E.T.A. Hoffmanns unheimlichen Erzählungen basierenden Oper von Jacques Offenbach.**

Schließlich durfte Francis bei John Hustons Moby Dick (1956) die Aufgaben eines DP übernehmen, wenn auch vorerst nur für die "Second Unit". Doch im selben Jahr erhielt er bei dem in Portugal gedrehten Kriegsfilm A Hill in Korea dann erstmals die volle Kontrolle über die Cinematographie.
In der Folge arbeitete er u.a. mit Joseph Losey, Karel Reisz, Jack Cardiff und Jack Clayton zusammen. Sein wichtigstes Werk aus dieser Ära dürfte in unserem Zusammenhang The Innocents (1961) sein. Francis selbst betrachtete Claytons Verfilmung von Henry James' klassischer Horrorerzählung The Turn of the Screw, die nebenbei bemerkt zu meinen absoluten Genrelieblingen gehört, als den besten Film jener Zeit, an dem er mitwirkte.
The Innocents was one of Francis’s favourite films. It was shot in B&W and in cinemascope. Clayton didn’t want it in scope but had to relent. Francis created an effect that at times gave a non-scope look that worked very well. He said it was the best film he had ever photographed. 
Nach einer wirklich beeindruckenden und erfolgreichen Karriere als Kameramann, beschloss Francis zu Beginn der 60er Jahre, es als Regisseur zu versuchen:
I got a lot of fun out of being a cameraman, but obviously directing is more interesting. One thing wrong with being a cameraman in Britain is that from the financial point of view you have to keep working all the time and you often have to work with people whose work,frankly, doesn't excite you. When I got the opportunity to direct I decided to try it and if I wasn't excited with what I did, well, that would be my own problem, and no one else's.
Ironischerweise war sein Regiedebüt, die Komödie Two and Two Make Six (1961), ganz und gar kein Projekt, das ihn besonders begeistert hätte.
I decided to do a film with a script I didn't much like. Stupidly I thought I could make a good movie anyway. But, of course, you can't.
Es war sein zweiter Film, die britisch-deutsche Koproduktion The Brain (1962) dritte Adaption von Curt Siodmaks Klassiker Donavan's Brain , der das Interesse von Hammer Film Productions weckte. In der Folgezeit drehte er für die große Brit-Horror-Schmiede Paranoiac (1963), The Evil of Frankenstein (1964), Nightmare (1964), Hysteria (1965) und Dracula Has Risen from the Grave (1968). 

Francis pflegte einen deutlich anderen Stil als Terence Fisher, dessen Filme für die klassische Periode des House of Hammer prägend waren:
Fisher was always dead serious about his horror films, which almost invariably revolved around big subjects like good-vs-evil, and his direction, while elegant, was also very straightforward as if to emphasize on that.
Freddie Francis on the other hand was above all else a very visual, less story-driven director, and especially with his transition into colour [in The Evil of Frankenstein], he also became very playful, stylistically, and often his movies used circus-, sideshow- and carneval-elements, which in turn of course made the films much more light-hearted than Fisher's, and while he was able to create atmosphere just as well as Fisher, his emphasis was more diffuse and less focussed on the very central themes of humanity.
Dies war möglicherweise einer der Gründe, warum Freddie Francis Mitte der 60er Jahre zu Amicus Film Productions wechselte. {Seine einmalige Rückkehr für Dracula Has Risen from the Grave war einzig dem Umstand geschuldet, dass Fisher sich aus gesundheitlichen Gründen von dem Projekt zurückziehen musste}. 1964 drehte er mit Dr. Terror's House of Horrors (1965) die erste Horror-Anthologie der Firma. 
Aber auch wenn Amicus heute in erster Linie für dieses Format bekannt sein dürfte, das Milton Subotsky dem von ihm verehrten Klassiker Dead of Night (1945) abgeschaut hatte, war das Repertoire der Firma doch deutlich breiter gefächert. Was sich auch an Francis' Output der nächsten Jahre ablesen lässt. Dem "konventionellen" Horrorstreifen  The Skull (1965) – den der Regisseur als einen seiner visuell gelungensten Werke erachtete –, folgten der Thriller The Psychopath (1966), die bizarren Deadly Bees (1966) und der Alien Invasion - Flick They Came from Beyond Space (1967). Erst dann kehrte er mit Torture Garden (1968; hier besprochen) und Tales from the Crypt (1972) wieder zum Portmanteau-Format zurück.

Was Freddie Francis an seiner Arbeit im Genefilm besonders schätzte war, dass er sich dabei ganz darauf konzentrieren konnte, mit Hilfe der Kamera Atmosphäre zu schaffen: "[T]hese films are 99% visual ... [they] depend on the ability to tell one's stories with the camera". 
Dennoch wurde es ihm mit der Zeit scheinbar etwas unangenehm, in die Nische des Horrorregisseurs gedrängt zu werden. Zwar drehte er in der ersten Hälfte der 70er Jahre u.a. noch The Creeping Flesh (1973) für die dritte {und etwas in Vergessenheit geratene} Brit-Horror-Schmiede Tigon Pictures sowie The Ghoul (1975) und Legend of the Werewolf (1975) für Tyburn – die von seinem eigenen Sohn Kevin gegründete Produktionsfirma, die erfolglos versuchte, den "Gothic Horror" der 60er am Leben zu erhalten** –, doch am Ende des Jahrzehnts beschloss er schließlich, in sein angestammtes Metier zurückzukehren.

Sein triumphales Comeback als Director of Photography konnte Freddie Francis 1980 mit David Lynchs The Elephant Man feiern. Es folgten u.a. The French Lieutenant's Woman (1981) von Karel Reisz & Harold Pinter, Lynchs Dune (1984)****, Walter Murchs Return to Oz (1985), Edward Zwicks Glory (1989) und Martin Scorceses Remake von Cape Fear (1989). Sein letzter Film als DP war Lynchs The Straight Story (1999).

Bevor wir uns endlich dem Film selbst zuwenden, rasch noch ein paar Worte zu den legendären EC - Horror - Comics.
Obwohl Tales from the Crypt, The Haunt of Fear und The Vault of Horror bloß ein knappes Jahrfünft lang – von 1950 bis 1954/55 – erschienen, ist ihr Einfluss auf die Popkultur doch erstaunlich groß. Zu ihrer Zeit waren die von EC-Boss William Gaines und seinem Redakteur Al Feldstein ins Leben gerufenen Serien äußerst erfolgreich und bedrohten ernsthaft die Vorherrschaft der Superhelden in der Welt der Comics. In ihrer eigenwilligen Mischung aus Horror, Gewalt und schwarzem Humor bildeten sie ein subversives Antidot zum Klima des öffentlich verordneten Konformismus, der im Amerika des Kalten Krieges herrschte.
Ihr Ende nahte, als nach der Veröffentlichung von Fredric Werthams berüchtigtem Schmöker Seduction of the Innocent 1954 eine Woge moralischer Panikmache über die Comicindustrie hereinschlug. Um staatlichen Zensurmaßnahmen zuvorzukommen, schuf die Comics Magazine Association of  America, bei deren Gründung Gaines ironischerweise eine wichtige Rolle gespielt hatte, noch im selben Jahr den Comics Code. Eine ganze Unterabteilung dieses Regelwerks der Selbstzensur, dessen Ziel darin bestand, jedes potentiell subversive Element aus dem Medium zu verbannen, richtete sich unverhohlen gegen die EC-Horror-Comics und ähnliche Publikationen:
  1. No comic magazine shall use the words horror or terror in its title.
  2. All scenes of horror, excessive bloodshed, gory or gruesome crimes, depravity, lust, sadism, masochism shall not be permitted.
  3. All lurid, unsavory, gruesome illustrations shall be eliminated.
  4. Inclusion of stories dealing with evil shall be used or shall be published only where the intent is to illustrate a moral issue and in no case shall evil be presented alluringly nor so as to injure the sensibilities of the reader.
  5. Scenes dealing with, or instruments associated with walking dead, torture, vampires and vampirism, ghouls, cannibalism, and werewolfism are prohibited.    
William Gaines' selbstbewusster Auftritt vor einem Untersuchungsausschuss des Senats war sicher nicht geeignet, den drohenden Untergang von EC abzuwenden, doch dafür erwies sich der Verleger damit als bewundernswert prinzipientreuer Kämpfer gegen die Zensur. Er war nicht bereit, sich dem Comic Code zu unterwerfen, woraufhin er öffentlich als amoralisches Monstrum an den Pranger gestellt wurde. Als er schließlich doch kapitulierte, war es zu spät. Im Frühjahr 1956 erschien der letzte EC-Comic. In der Folge konzentrierte sich Gaines ganz auf die Herausgabe von MAD.

Die fünf Geschichten, aus denen der Film zusammengesetzt ist, stammen aus The Vault of Horror #35 (... And All Through the House), Tales from the Crypt #23 (Reflection of Death), The Haunt of Fear #12 (Poetic Justice), The Haunt of Fear #22 (Wish You Were Here) und Tales from the Crypt #46 (Blind Alleys). 

Unter den allseits bekannten Klängen von Bachs Toccata und Fuge in d-Moll schweift die Kamera über einen hübsch verfallenen Friedhof, um uns schließlich in ein unterirdisches Gewölbe zu führen. Dort hat sich eine Gruppe von Touristen zusammen gefunden, um unter der Leitung eines Fremdenführers einen Rundgang durch die Katakomben zu unternehmen, die verfolgten Mönchen in der Ära Heinrichs VIII. als Zufluchtsstätte dienten. Fünf von ihnen bleiben etwas hinter der Gruppe zurück, verirren sich in dem Labyrinth staubiger Gänge und landen schließlich in einer Art Krypta, wo sie von einem mysteriösen Kuttenträger (Ralph Richardson) erwartet werden, der sie dazu zwingt, ihre übelsten Impulse offenzulegen und deren Konsequenzen ins Auge zu schauen. 
Diese Eröffnungssequenz weist große Ähnlichkeiten mit der aus Torture Garden auf, allerdings besitzt Richardsons Crypt Keeper nicht annähernd das Charisma von Burgess Merediths Dr. Diabolo.

In der ersten Episode ... And All Through The House dürfen wir miterleben, wie Joanne Clayton (Joan Collins)***** am Weihnachtsabend ihren Mann ermordet und sich anschließend mit dem unangenehmen Problem konfrontiert sieht, dass ein der Irrenanstalt entsprungener mörderischer Psychopath im Santa Claus - Kostüm ihr Haus umschleicht. Mieses Timing! Und dummerweise hat Joannes kleine Tochter keinen größeren Wünsch, als endlich einmal den Weihnachtsmann in persona zu treffen ...
Nicht der stärkste Auftakt. Allerdings spielt Joan Collins die Rolle der mörderischen Ehefrau mit sichtlichem Vergnügen und die Story besitzt einen hübsch fiesen Ton: Das kitschige Idyll einer Familienweihnacht, die mit dem gezielten Schwung eines Schürhakens endet; Joannes methodische Kaltblütigkeit beim Verwischen der Spuren, während im Hintergrund Christmas Carols geschmettert werden; die unschuldige Begeisterung des kleinen Mädchens, das den leibhaftigen Santa Claus vor ihrer Haustür entdeckt zu haben glaubt.

Leider fällt Reflection of Death demgegenüber eher noch etwas ab. Carl Maitland (Ian Hendry) verlässt Frau und Kinder, um sich mit seiner Geliebten Susan Blake (Angela Grant) aus dem Staub zu machen. Während ihrer nächtlichen Autofahrt in ein neues Leben kommt es zu einem Unfall. Der Wagen landet im Straßengraben und Carl verliert das Bewusstsein. Als er wieder zu sich kommt, scheint überraschend viel Zeit verstrichen zu sein. Er irrt durch die Nacht. Fremden, denen er dabei begegnet, ergreifen panisch die Flucht vor ihm. Schließlich gelangt er zu Susans Haus, wo ihm die grausige Wahrheit bewusst wird, dass er inzwischen ein halbvermoderter Wandelnder Leichnam ist.
Dies ist ohne Zweifel die schwächste der fünf Geschichten, auch wenn Freddie Francis vor allem während der Sequenz, in der Carl durch die nächtliche Landschaft irrt {welche gänzlich aus der Perspektive des zurückgekehrten Toten gefilmt ist} eine hübsch unheimliche Atmosphäre heraufzubeschwören versteht.

Mit Poetic Justice folgt dann allerdings einer der beiden absoluten Höhepunkte von Tales from the Crypt. Peter Cushing spielt den einsamen und etwas wunderlichen, aber herzensguten Witwer Arthur Grimsdyke, der mit einem ganzen Rudel von Hunden in einem heruntergekommenen Anwesen lebt und die Kinder der Nachbarschaft regelmäßig mit alten Spielzeugen beschenkt, die er aus dem Müll gefischt und repariert hat. Seinem versnobten Nachbarn James Elliott (Robin Phillips) ist der alte Mann jedoch ein Dorn im Auge. Für ihn ist Grimsdykes halbverfallenes Haus ein Schandfleck für das luxuriöse Viertel, zumal das Grundstück eigentlich eine wertvolle Immobilie sein könnte. Also startet der widerliche Geselle eine hinterhältige Terrorkampagne gegen den gutmütigen Exzentriker. Er sorgt dafür, dass ihm seine Hunde weggenommen werden, setzt das Gerücht in Umlauf, der "schmutzige Alte" könnte ein pädophiler Perverser sein, so dass die Kinder nicht mehr zu ihm kommen dürfen, und schickt ihm schließlich am Valentinstag einen ganzen Stapel von Grußkarten mit Versen wie "Some people live in the country./ Some people live in the town./ Why don't you do us a service,/ Jump in the river and drown." Grimsdyke erhängt sich. Doch der Tod hat in einer EC-Geschichte noch niemanden davon abgehalten, Rache an seinen Peinigern zu nehmen. Und so ereilt natürlich auch den miesen James schließlich sein gerechtes Schicksal, begleitet von einem sehr treffenden Valentinstag - Verschen.
Peter Cushing ist einfach wunderbar in der Rolle des liebenswert-schrulligen Mr. Grimsdyke. Die Story erhält eine berührend persönliche Note, wenn man sich vergegenwärtigt, dass dessen Ehefrau Helen im Januar 1971 verstorben war. Ein tragisches Ereigniss, das den großen Schauspieler in tiefe Depressionen gestürzt hatte. Grimsdykes tote Gattin, mit deren Porträt der Alte immer wieder persönliche Zwiesprache hält, trägt denselben Namen.

Wish You Were Here ist eine gemeine kleine Variante auf W.W. Jacobs' klassische Kurzgeschichte The Monkey's Paw. Was sie interessant macht ist vor allem, dass ihre Protagonisten Ralph (Richard Greene) und Enid (Barbara Murray) ganz genau wissen, dass sie in einer Version von The Monkey's Paw stecken und dennoch glauben, schlauer als die Figuren in Jacobs' Story sein zu können. Was uns zu dem hübsch makabren Szenario eines von den Toten zurückgewünschten und mit ewigem Leben ausgestatten Mannes führt, dessen Leib dummerweise zwecks Konservierung bereits mit Formaledhyd vollgepumpt wurde, und der nun von seiner eigenen Ehefrau in Stücke gehackt wird, in der missgeleiteten Hoffnung, ihn damit von seinen höllischen Qualen erlösen zu können.

Tales from the Crypt endet mit einem zweiten fulminanten Höhepunkt in Gestalt von Blind Alleys. Der hochmütige und herzlose Major William Rogers (Nigel Patrick) übernimmt die Leitung eines Blindenasyls. Eine Aufgabe, von der er selbst zugibt, keine Ahnung zu haben, die er jedoch mit der ganzen Arroganz, Effizienz und Unmenschlichkeit anpackt, die ihm als Offizier zur zweiten Natur geworden sind. Aus "wirtschaftlichen Gründen" wird bei den Insassen erbarmungslos an Heizkosten und Verpflegung gespart, während sich's der Major zusammen mit seinem Schäferhund Shane in seinen wohlig warmen, mit wertvollen Gemälden geschmückten Räumlichkeiten bei Wein und üppigen Mahlzeiten wohl sein lässt. Als einer der ältlichen Blinden an Unterkühlung stirbt, kommt es unter Führung von George Carter (Patrick Magee) zur Revolte der Insassen. Den Major erwartet eine angemessen grausliche Strafe, bei der Rasierklingen und ein ausgehungerter Shane eine wichtige Rolle spielen. Und natürlich geht dabei im entscheidenden Moment das Licht aus ...
Blind Alleys funktioniert einfach auf allen Ebenen. Freddie Francis' Regie und Cinematographie verbinden sich mit einer exzellenten Story {pointiert, fies und äußerst befriedigend} und großartigen schauspielerischen Darbietungen zu einem wundervollen Ganzen. Besonders hervorgehoben sei dabei Patrick Magee, ein wirklich außergewöhnlicher Schauspieler, der auf der Bühne mit Samuel Beckett und Harold Pinter zusammengearbeitet hatte, in Peter Brooks Theater- und Filmversion von Peter Weiss' Marat/Sade (1967) den Göttlichen Marquis verkörperte und Freunden & Freundinnen des phantastischen Kinos aus so unterschiedlichen Filmen wie Roger Cormans The Masque of the Red Death (1964), Stanley Kubricks Clockwork Orange (1971) und Robert Fuests The Final Programme (1973) bekannt sein dürfte. Sein George Carter besitzt eine wirklich beunruhigende Präsenz.

Als Ganzes betrachtet ist Tales from the Crypt für mich weder die beste EC-Comic-Adaption von Amicus – da würde ich den Lorbeer Roy Ward Bakers The Vault of Horror (1973; hier besprochen) verleihen –, noch der beste Portmanteau-Streifen, den Freddie Francis für Milton Subotsky und Max Rosenberg gedreht hat. Doch anderthalb Stunden hübsch makabrer Unterhaltung bietet der Film auf jedenfall – und manchmal sogar etwas mehr als das.






* Das Format des Portmanteau-Horrorfilms scheint seit den Tagen von Amicus etwas aus der Mode geraten zu sein, trotz Kultstreifen wie George A. Romeros Creepshow (1982) oder Michael Doughertys Trick 'r Treat (2007). Mit Ghost Stories von Andy Nyman & Jeremy Dyson können wir uns allerdings gerade an einem neuen Film erfreuen, der in vielem als eine sympathische und liebevoll gemachte Hommage an diese altehrwürdige Form des Brit-Horrors gelten kann. 
** George A. Romero war übrigens ein großer Bewunderer dieses Films.
*** Ich habe mich in meiner Besprechung von The Ghoul etwas ausführlicher über die kurze und kuriose Geschichte des Unternehmens ausgelassen.
**** Trotz seiner eigenen Regiekarriere im Horrorfilm hatte Francis nichts übrig für Spezialeffekte und übernahm die Aufgabe nur wegen seiner Freundschaft mit David Lynch. 
***** Trekkies mögen sich an sie als Edith Keeler aus der berühmten TOS-Episode The City on the Edge of Forever erinnern.

Samstag, 28. April 2018

Strandgut der Woche

Samstag, 21. April 2018

Strandgut der Woche

Donnerstag, 19. April 2018

The Witches and the Grinnygog

Das phantastische Kinderfernsehen der Briten ist eine Welt, mit der ich mich auf meinem Blog bisher viel zu selten beschäftigt habe. In den frühen Tagen von Skalpell und Katzenklaue habe ich mal eine Besprechung der Tripods / Dreibeinigen Herrscher (1984/85) veröffentlicht, dann einen Post über Children of the Stones (1977), den legendären "Wicker Man for Kids", und schließlich einen vorweihnachtlichen Beitrag über The Box of Delights (1984). Na ja, The Worst Witch (1986) gehört wohl auch noch dazu. Ein Artikel über den walisischen Arthur of the Britons (1972/73) ist leider nie über den ersten Entwurf hinausgelangt und wartet bis heute auf seine Vollendung.
Ich glaube, es war Mr. Jim Moons Podcast-Episode über King of the Castle (1977), die mich vor einiger Zeit dazu animierte, einmal wieder einen Abstecher in diese Gefilde zu unternehmen. Eher zufällig landete ich bei der 1983 von TVS {damals noch Teil von ITV} produzierten Miniserie The Witches and the Grinnygog. Ich hab' halt was übrig für Geschichten über Hexen, auch hatte es mir der frühneuzeitlichen Holzschnitten nachempfundene Vorspann sofort angetan.

Als die alte Kirche St. Cuthbert abgerissen und {auf Druck einer kleinen Bürgerinitiative} Stein für Stein zum künftigen Wiederaufbau an einen anderen Ort transportiert wird, fällt eine groteske Skulptur von einem dahinrasenden Laster und der guten Mrs. Firkettle (Jane Wood) quasi in den Schoß. Die alleinerziehende Mutter dreier Kinder beschließt, das {ähem} "Fundstück" mitzunehmen und ihrem Vater zu schenken. Schließlich hat sich Granddad Adams (John Barrard) schon immer einen Gartenzwerg gewünscht. Derweil machen sich auf Initiative von Reverend Sogood (Robert Swann) dessen Kinder Colin (Giles Harper) und Nan (Heidi Mayo) zusammen mit ihren Freunden Essie (Zoe Loftin) und Dave (Adam Woodyatt) Firkettle daran, ein kleines Heimatmuseum einzurichten. Unter den potentiellen Exponaten finden die vier das Tagebuch eines früheren Pastors der Gemeinde, in dem von den örtlichen Hexenverfolgungen während des 17. Jahrhunderts die Rede ist.
Dinge beginnen etwas wunderlich zu werden, als Daves und Essies kleiner Bruder Jimmy (Paul Curtis) felsenfest behauptet, dass die groteske Steinfigur im Garten zu ihm gesprochen habe, und wenig später der geheimnisvolle Mr. Twebele Alabaster (Olu Jacobs) im Dorf auftaucht. Der aus Afrika angereiste Gentleman behauptet, Anthropologe zu sein und die englische Folklore erforschen zu wollen. Sein besonderes Interesse gilt einem Artefakt, das er "Grinnygog" nennt, und das sich schon bald als Granddads neuer "Gartenzwerg" entpuppt.
Mr. Alabaster bleibt nicht der einzige ungewöhnliche Neuankömmling. Da wären zuerst einmal drei ältliche und ziemlich exzentrische Frauen: Mrs. Ems (Heila Grant), die sich zusammen mit ihrer stummen und leblos wirkenden Tochter bei den Firkettles einmietet; Miss Bendybones (Patricia Hayes), die eine Stelle als Haushälterin bei Rev. Sogood antritt; und die umhervagabundierende Miss Edie (Anna Wing), die ihr Lager zeitweilig auf dem Golfplatz aufschlägt -- sehr zum Ärger des versnobten Major Gilmour, der sich allerdings überraschend schnell durch eine ihm angebotene Tasse Tee versöhnen lässt. Und dann ist da auch noch ein mysteriöses Mädchen namens Margaret (Eva Griffith), das etwas verloren und verängstigt wirkend durch die Gegend streift und scheinbar auf seine Mutter wartet.
Wie unsere vier jungen Heldinnen und Helden nach und nach herausfinden, stehen alle diese Geschehnisse in Zusammenhang mit den Hexenverfolgungen. Auch wenn der stets skeptische Dave dies lange Zeit nicht eingestehen will, kann doch schon bald kein Zweifel mehr daran bestehen, dass es sich bei den drei seltsamen Frauen um die zurückgekehrten "Hüterinnen" ("Guardians") handelt, die in dem alten Tagebuch erwähnt werden und die im 17. Jahrhundert der Hexerei angeklagt worden waren. So wie es aussieht, geht es darum, eine uralte Geschichte von Intoleranz und Gewalt endlich zu einem friedvollen und versöhnenden Abschluss zu bringen. Eine zentrale Rolle scheinen dabei der "Grinnygogg" und das herannahende Mittsommerfest zu spielen.

The Witches and the Grinnygog basiert auf dem zwei Jahre zuvor erschienenen, gleichnamigen Kinderbuch von Dorothy Edwards, die ungefähr zur selben Zeit auch "several anthologies of short stories, folklore and poetry for children, chiefly on the subjects of magic, witchcraft and ghosts" herausgab, u.a. Ghosts and Shadows (1980) und Mists and Magic (1983).
In ihrer Darstellung der Hexen knüpfte die Schriftstellerin an die von Margaret Murray (The Witch-Cult in Western Europe [1921]) populär gemachte Vorstellung an, dass es sich bei den Opfern der Hexenprozesse des 16. und 17. Jahrhunderts um die Anhängerinnen einer vorchristlichen Naturreligion gehandelt habe. Eine Idee, die auch bei der Gründung der Wicca - Religion durch Gerald Gardner (1884-1964) eine wichtige Rolle gespielt hatte. Wissenschaftlich haltbar ist diese These nach heutigem Erkenntnisstand zwar nicht, aber das tut meiner Meinung nach nicht wirklich was zur Sache. Als Stellvertreterinnen für alle unterdrückten und marginalisierten Gruppen, die aufgrund ihres "Andersseins" unter Diskriminierung, Verfolgung und Gewalt zu leiden hatten, funktionieren die "Hexen" allemal. Und eben darin besteht ihre Rolle in dieser Geschichte. So habe ich das jedenfalls interpretiert.
Schon bei der ersten Unterhaltung der Kinder über die Hexenverfolgungen lässt Essie die Bemerkung fallen: "They never burned men, did they?" Historisch ganz korrekt ist zwar auch das nicht, aber es verweist sogleich auf den Subtext der Geschichte. Wie wir später erfahren, gehörten auch die Vorfahren der Firkettles zu jenen "besonderen" {eine bessere Bezeichnung wäre wohl "andersartigen"} Leuten, denen man mit Misstrauen, Intoleranz und im Extremfall brutaler Gewalt begegnete. Was auch erklärt, warum sofort eine übersinnliche Verbindung zwischen dem kleinen Jimmy und dem Grinnygog besteht, und sich Essie im Laufe der Ereignisse immer stärker zu der "paganen" Welt der Hexen hingezogen fühlt. {Und ist es bloßer Zufall, dass Zoe Loftin rote Haare hat?} Eigentlich schade, dass sie am Ende nicht das Erbe ihrer Ahnen antritt und selbst zu einer Hexe wird.* Doch in diesem Punkt ist die Serie eindeutig: Die Hexen sind Vertreterinnen einer vergehenden Welt. Wenn sie in der letzten Epiosode am Abend des Mittsommerfestes gemeinsam mit Mr. Alabaster nach Afrika fliegen, hat das ein bisschen was von der Abfahrt der Elben von den Grauen Anfurten im Lord of the Rings. Auch wenn die drei ganz sicher nichts von der aristokratischen Aura der tolkienschen Eldar an sich haben. Die Magie verlässt die Welt.
Und natürlich ist Mr. Alabaster als Afrikaner selbst einer jener "Anderen". In einer Uminterpretation der alten Folklore übernimmt der Anthropologe und Schamane ("Witch Doctor") die Rolle des "Black Man" für den Hexenzirkel.** Nicht dass er eine diabolische Gestalt wäre. Er selbst erklärt, dass dieselbe Rolle in seiner Heimat oft von einem "weißen Mann" gespielt werde. Was zwar kaum etwas mit realen afrikanischen Traditionen zu tun haben dürfte, aber noch einmal hervorhebt, dass es um das "Anderssein" geht.
Wenn Afrika am Ende der Miniserie als der letzte Zufluchtsort für Magie und Naturreligion erscheint, haftet dem natürlich unverkennbar ein Element von Exotismus an. Doch möchte ich betonen, dass Mr. Alabaster nie als eine Art "edler Wilder" gezeichnet wird. Ab und an legt er zwar die traditionelle Gewandung eines Schamanen an, aber selbst dann bleibt er ganz der kultivierte und höfliche Gentleman. Und wenn er zum Abschluss gemeinsam mit den Hexen nach Afrika fliegt, geschieht dies nicht auf magische Weise, sondern in einem Helikopter, dessen schwarzer Pilot darauf hindeutet, dass er unmittelbar aus Mr. Alabasters Heimat gekommen ist, welche wir uns also nicht als ein antimodernes, magisches Paradies am Ende der Welt vorstellen sollen.

Eine der auffälligsten Eigenheiten von The Witches and the Grinnygog ist, dass es keine wirklichen Antagonisten in der Miniserie gibt. Trotz des Subtextes über Intoleranz und Verfolgung begegnen wir niemandem, der als Vertreter von christlicher Bigotterie, weißem Rassismus oder männlichem Chauvinismus erscheinen würde. Das schlimmste, was man von den Erwachsenen sagen kann, ist, dass sie blind für die ungewöhnlichen Ereignisse sind, die sich um sie herum abspielen. Doch dafür gibt es eine gute Erklärung: Sie haben schlicht keine Zeit, sich damit zu beschäftigen. So erscheint vor allem Mrs. Firkettle oft ungeduldig und genervt, aber wir können ihr Verhalten recht gut verstehen, wenn wir uns vergegenwärtigen, dass sie eine alleinerziehende Mutter mit drei Kindern ist, die täglich in eine Nachbarortschaft pendeln muss, wo sie {für einen recht mageren Lohn} in einem kleinen Kaufhaus als Verkäuferin arbeitet.  
Damit wird dem Thema sicher etwas an Schärfe genommen. Ganz allgemein herrscht ein Geist der Versöhnung. Doch gerade das hat für mich auch zum besonderen Charme der Miniserie beigetragen. Das große Mittsommerfest, mit dem The Witches and the Grinnygog ausklingt, erhält dadurch beinah eine Art utopischen Vibe.
Wenn z.B. Miss Edie ihre Nachfahrin Miss Possett (Anne Dyson) besucht, eine fromme Christin und ehemalige Sonntagsschullehrerin, und ihr als Geschenk einen prächtigen, mit zahllosen farbenfohen Blumen geschmückten Hut herbeizaubert, ist klar, dass sie der stets schwarze, puritanisch anmutende Kleider tragenden alten Dame etwas Lebensfreude schenken will, die ihr durch ihre Religion {scheinbar} verwehrt wurde. Dennoch kommt es nicht zu einer Auseinandersetzung zwischen zwei gegensätzlichen  Weltanschauungen. Miss Possett freut sich über das Geschenk, aber das ändert nichts an ihrem Glauben. Man trennt sich in einm Geist gegenseitigen Respektes.
Interessanterweise hält Miss Possett die Firkettle-Kinder davon ab, während der finalen Szene ein "heidnisches" Lied anzustimmen, das sie zuvor mit ihrem Großvater gesungen hatten und das bei Essie ein euphorisches Gefühl des Losgelöstseins, beinah des "Fliegens", ausgelöst hatte. Aber dies muss wohl in erster Linie im Kontext des Motivs vom "Schwinden der Magie" gesehen werden. Was dem versöhnlichen Abschluss eine leicht wehmütige Note verleiht. Das Mittsommerfest ist in gewisser Hinsicht ein letztes Abschiedsgeschenk jener, die nun für immer verschwinden werden. Beinahe als ginge es darum, die Dorfgemeinschaft daran zu erinnern, was sie nun verloren haben.

Trotz des im allgemeinen so versöhnenden Tones, besitzt die Miniserie durchaus auch ihre düsteren Momente. Diese konzentrieren sich hauptsächlich auf die Figur der jungen Margaret oder Daisy. Bei dieser handelt es sich um Mrs. Ems' Tochter, die während des blutigen Chaos der Hexenverbrennungen von ihrer Mutter getrennt wurde und seitdem verloren durch die Zeitalter irrt. Besonders eindringlich ist dabei vor allem eine Szene. Mrs. Firkettle begegnet der verängstigen Margaret bei Anbruch der Nacht im Wald, und plötzlich verwandelt sich das abendliche Dorf in der Ferne in die Szenerie aus dem 17. Jahrhundert mit den flackernden Lichtern der Scheiterhaufen und dem fernen Gegröhle des Lynchmobs.
Während Margaret offenbar unablässig von der Erinnerung an die Schrecken der Vergangenheit verfolgt wird, scheint der Verlust ihres Kindes bei Mrs. Ems ein so großes Trauma verursacht zu haben, dass sie nicht bereit ist, sich offen mit dieser Tatsache auseinanderzusetzen, sondern stattdessen eine Schaufensterpuppe als ihre Tochter kostümiert und felsenfest davon überzeugt zu sein scheint, dass es sich bei dieser tatsächlich um Margaret handelt. Wenn man etwas länger darüber nachdenkt, ist das ziemlich düster.

Eine weitere recht interessante Eigenart der Miniserie ist es, dass unsere kindlichen Heldinnen und Helden letztenendes nur wenig zum glücklichen Ausgang der Geschichte beitragen. Trotz all ihrer Nachforschungen und kleinen Abenteuer erschöpft sich ihre Rolle hauptsächlich darin, Zeugen der Ereignisse zu sein, die sich um sie herum abspielen. Die Serie macht das sogar ganz explizit, wenn Nan am Ende von Miss Bendybones die Aufgabe erteilt wird, die "Wahrheit" aufzuschreiben, was diese dann auch in ihrem Tagebuch macht. Ich habe das für mich als ein weiteres Leitmotiv der Geschichte gedeutet: Versöhnung ist nur möglich, wenn sich eine Gesellschaft über die von ihr in der Vergangenheit verübten Verbrechen Rechenschaft ablegt und die Wahrheit über sich und ihre Opfer ausspricht.

Es erübrigt sich eigentlich, am Ende noch einmal zu sagen, dass ich The Witches an the Grinnygog für ein sehr sehenswertes Stück TV-Phantastik halte. Aufgrund rechtlicher Komplikationen ist die Miniserie leider nie auf DVD erschienen. Allerdings kann man auf Youtube die Videoaufzeichnung einer alten Fernsehausstrahlung finden.



* Die thematisch verwandte, aber sehr viel düsterere Episode The Witch's Bottle aus der ITV-Serie Shadows (1975) geht auch in dieser Hinsicht deutlich weiter.
** Aufgrund von Nathaniel Hawthornes The Scarlet Letter und H.P. Lovecrafts Dreams in the Witch House hatte ich den "Black Man" bislang immer für eine spezifisch amerikanische Zutat zur Hexen-Folklore gehalten. Tatsächlich jedoch war seine Gestalt auch in England fester Bestandteil des volkstümlichen Aberglaubens, wie ich durch meine Lektüre von Frank J. Gents sehr informativem Büchlein über die Hexenprozesse von Bideford (1682) erfahren habe. Das "schwarz" bezog sich übrigens nie auf die Hautfarbe, sondern stets auf die Kleidung.