"Außerdem studierte er abstruse Bücher, die aus chaldäischen Bibliotheken
gestohlen worden waren, wenn Fafhrd auch aus langer Erfahrung wusste,
dass der Mausling selten über das Vorwort hinauskaum (obwohl er oft die
letzten Kapitel aufrollte und neugierig hineinschaute und beißende Kritik
äußerte)."

Fritz Leiber, Das Spiel des Adepten


Samstag, 14. Januar 2017

Strandgut der Woche

Freitag, 13. Januar 2017

Ein Besuch in Château d'Amberville

Es wäre sicher nicht ganz falsch zu sagen, dass ich den wundervollen Clark Ashton Smith, dessen einhundertvierundzwanzigsten Geburtstag wir heute feiern können, auf dem Umweg über seinen sehr viel bekannteren Freund und Kollegen H.P. Lovecraft kennengelernt habe. Und doch wäre es genaugenommen nicht ganz korrekt. In Wahrheit war ich seinem Werk schon sehr viel früher begegnet, in einer Zeit, lange bevor ich zum ersten Mal einen der Suhrkamp - Bände mit den Geschichten des alten Gentleman von Providence aufgeschlagen hatte..

Unsere Reise führt uns zurück in die erste Hälfte der 80er Jahre, als das Phänomen der Fantasyrollenspiele mit etwas Verspätung auch die deutschen Lande erreichte. 
Es muss wohl 1984 gewesen sein, als sich mir in Gestalt des gerade erschienen DSA - Basisspiels zum ersten Mal das Tor in diese phantastischen Gefilde öffnete. Irgendwann möchte ich einmal einen längeren Post über meine damit verbundenen Abenteuer, und welchen Einfluss sie auf mich und mein damaliges Leben hatten, schreiben. Doch das muss auf eine unbestimmte Zukunft verschoben werden. Heute soll es um anderes gehen.
Zwar war es ohne Frage das von Schmidt Spiele und Droemer Knaur herausgegebene Schwarze Auge, welches die Rollenspielerei auch hierzulande zu einer Art Massenphänomen machte. Immerhin wurde das Abenteuer - Basis - Spiel bereits im ersten Jahr 100.000 Mal verkauft! Doch war DSA keinesfalls das erste Spiel seiner Art, das in deutschen Landen auftauchte. Bereits Ende der 70er Jahre war in den Kreisen der Fangemeinde des Tabletop - Strategiespiels Armageddon das erste deutsche Pen & Paper - Rollenspiel entstanden, das 1981 schließlich unter dem Namen Midgard auf den Markt gelangte. 1983 erschien die von Ulrich Kiesow übersetzte Fassung von Tunnels & Trolls (Schwerter & Dämonen). Und im selben Jahr machte FSV (Fantasy Spiele Verlags - GmbH) einem deutschsprachigen Publikum zum ersten Mal auch den Urvater des Genres zugänglich Dungeons & Dragons.
Dank eines bizarren kleinen Buches, an dessen Titel ich mich leider nicht mehr erinnern kann und das als eine Art Einführung in die Welt der Fantasyrollenspiele daherkam, war ich mir von Anfang an bewusst, dass es neben DSA noch eine Fülle anderer {und meist älterer} Systeme gab. Doch auch wenn ich später z.B. die beiden Midgard - Regelbücher meiner stetig wachsenden Sammlung hinzufügte, schloss ich – abgesehen von meiner ersten Liebe – eigentlich nur mit D&D nähere Bekanntschaft. Und so gelangte alsbald auch Burg Bernstein, das zweite Abenteuermodul für die D&D - Expertenregeln, in meine Hände. Und es war auf den Seiten dieses Heftes, dass ich zum allerersten Mal dem Namen Clark Ashton Smith begegnen und einen kleinen Einblick in einen Teil seines Werkes erhalten sollte spielt der zweite Teil der Handlung doch in Averoigne – Smiths phantastischer Version des hochmittelalterlichen Frankreich – und zitiert eine ganze Reihe seiner dort angesiedelten Kurzgeschichten.

Welche literarischen Einflüsse eine Rolle bei der Entstehung und frühen Entwicklung von Dungeons & Dragons spielten, ist eine faszinierende Frage. 
Bei oberflächlicher Betrachtung wird man natürlich zuallererst an J.R.R. Tolkien denken. So schreibt z.B. Frank Weinreich in seiner kürzlich auf der Website von Fischer Tor veröffentlichen Hommage zu dessen 125. Geburtstag: "Rollenspielwelten wie AD & D oder Das Schwarze Auge bauen auf Tolkiens Schöpfung, ihren Völkern und Themen auf". Und so ganz falsch ist das natürlich auch nicht. Schließlich tummelten sich  in D&D anfangs ganz offen Hobbits, Ents und Balrogs, bis das "Tolkien Estate" diesem frivolen Treiben Einhalt gebot. Doch alles in allem ist der Einfluss, den des "Professors" Werk auf die Entstehung des Urvaters aller Rollenspiele hatte, eher zweitrangig.
Gary Gygax war kein großer Tolkienfan, und vieles spricht dafür, dass nur deshalb so viele tolkiensche Elemente ihren Weg in die frühe Fassung von D&D fanden, weil man die große Popularität des Lord of the Rings ausnutzen wollte.
Wie der Spieledesigner 1985 in einem Artikel für Dragon Magazine erklären sollte:
The popularity of Professor Tolkien’s fantasy works did encourage me to develop my own. But while there are bits and pieces of his works reflected in hazily in mine, I believe that his influence, as a whole, is quite minimal. [...] A careful examination of the games will quickly reveal that the major influences are Robert E. Howard, L. Sprague de Camp and Fletcher Pratt, Fritz Leiber, Poul Anderson, A. Merritt, and H. P. Lovecraft. Only slightly lesser influence came from Roger Zelazny, E. R. Burroughs, Michael Moorcock, Philip Jose Farmer, and many others. Though I thoroughly enjoyed The Hobbit, I found the “Ring Trilogy” ... well, tedious.
Gygax' Vorwort zur ersten, 1974 herausgegebenen Ausgabe von D&D erwähnt denn auch "Burroughs’ Martian adventures”, “Howard’s Conan saga”, “the de Camp & Pratt fantasies” sowie “Fritz Leiber’s Fafhrd and the Gray Mouser", nicht jedoch Tolkiens Mittelerde. In einem anderen Gygax-Interview bekommen wir zu lesen:
As a Swords & Sorcery novel fan from way back – I read my first Conan yarn about 1948, was a fan and collector of the pulp SF and fantasy magazines since 1950  – I was not as enamored of The Trilogy as were most of my contemporaries. While I loved Bombadil, the Nazgul too, the story was too slow-paced for me.
In der Tat orientierten sich die frühen D&D - Szenarien in erster Linie an der Sword & Sorcery. 
Selbst die Idee der "Abenteurergruppe", die auf den ersten Blick sehr deutlich an die neun Gefährten aus Fellowship of the Ring, erinnert, lässt sich problemlos auch auf andere Vorbilder zurückführen von den Argonauten der Antike über Pulp-Heroen wie Doc Savage & seine Freunde bis hin zur Soldateneinheit in jedem x-beliebigen Zweite Weltkriegs - Flick.
Und so verwunderlich ist das alles im Grunde auch gar nicht. Zwar trieb die Tolkienbegeisterung in den USA der späten 60er und der 70er Jahre die wildesten Blüten, seit 1968 die Taschenbuchausgaben von Lord of the Rings – erst bei Ace Books, dann bei Ballantine – erschienen waren. Dennoch darf diese Ära der amerikanischen Fantasy in erster Linie als das Goldene Zeitalter der Sword & Sorcery gelten. Lin Carter und L. Sprague de Camp hatten Robert E. Howards Stories einem breiten Publikum erneut zugänglich gemacht, und neben Conan & Konsorten erfreuten sich auch die Schöpfungen von Fritz Leiber, Karl Edward Wagner, Michael Moorcock u.a. breiter Beliebtheit. Die große Stunde der tolkienesken High Fantasy schlug erst in den 80er Jahren, nach dem phänomenalen Erfolg von Terry Brooks' Sword of Shannara. Worauf TSR 1984 mit dem Start der Dragonlance - Kampagne reagierte, mit der D&D seine alte Heimat zu verlassen und gleichfalls in High Fantasy - Gefilde überzusiedeln versuchte.
Etwas erstaunlicher finde ich es da schon, dass Gary Gygax immer mal wieder auf Lovecraft als eine seiner wichtigsten Inspirationsquellen zu sprechen kommt. Nicht dass der alte Gentleman eine obskure Figur in der Phantastikszene der 70er Jahre gewesen wäre, aber ich zumindest habe die Welt von D&D nie mit den tentakelbewehrten Schrecken der Großen Alten in Verbindung gebracht. Allerdings ist es seit den Tagen des "Lovecraft-Zirkels" der 20er/30er Jahre immer mal wieder zu einer Art Kreuzbestäubung zwischen Cthulhu-Mythos und Sword & Sorcery gekommen. Ich denke da nicht nur an einige Stories von Robert E. Howard – wo eine solche Beeinflussung ja leicht zu erklären ist  –, sondern z.B. auch an Fritz Leibers Adept's Gambit und andere Fafhrd & The Grey Mouser - Geschichten. So gesehen ist die Verbindung vielleicht dann doch nicht so unerklärlich.
Wie dem auch sei, jedenfalls fand der Cthulhu-Mythos zusammen mit Leibers Nehwon und Michael Moorcocks Melniboné seinen Weg 1980 in die legendäre Erstauflage von Deities & Demigods – ohne Frage einer der bizarrsten AD&D - Bände, die je das Licht der Welt erblickten. Wie das ausgesehen hat, kann man sich hier anschauen. Aufgrund rasch drohender Konflikte mit TSRs großem Konkurrenten Chaosium, die gerade dabei waren Stormbringer und Call of Cthulhu zu entwickeln, verschwanden die entsprechenden Passagen allerdings schon sehr bald wieder aus dem Buch. {Wer sich für die Details interessiert, sei auf diesen Artikel von Nick Ozment verwiesen.} Übrigens war zwei Jahre zuvor bereits auf den Seiten von Dragon Magazine ein Artikel von Rob Knutz erschienen, der das Pantheon des Cthulhu-Mythos (in seiner von August Derleth geprägten Ausformung) mit D&D - Spieldaten versehen hatte. {Vergleichbares hatte sich scheinbar auch bei Tunnels & Trolls abgespielt.}  

Als einer der bedeutendsten frühen Mitgestalter des Cthulhu-Mythos gelangte Clark Ashton Smith damit ganz automatisch ins Umfeld von D&D, auch wenn auffällt, dass weder der Dragon - Artikel noch das Kapitel aus Deities & Demigods seinen wohl bekanntesten Beitrag zum Mythos, den Gott  Tsathoggua, erwähnt. Ebenfalls recht interessant ist, dass sein Name nicht auf der von Gary Gygax zusammengestellten Autoren-Liste in Appendix N des ursprünglichen Dungeon Master's Guide (1979) auftaucht. Dafür findet er sich in dem von Barbara Davis erarbeiteten Anhang "Inspirational Source Material" in der 1981 unter der Leitung von Tom Moldvay herausgegebenen Version der D&D - Basisregeln  Und Moldvay war auch der Autor von Castle Amber / Burg Bernstein.

Gemeinsam mit seinem Freund Lawrence Schick hatte Moldvay in der zweiten Hälfte der 70er Jahre das entwickelt, was schließlich zu D&Ds "Known World" {später Mystara getauft} werden sollte. Ihre Welt hatte sowohl cthulhuide Kulte ("in every land there would be hidden cults that worshiped Lovecraftian Elder Gods").als auch lovecraftianischen Kreaturen wie die "Deep Ones" enthalten ("The Malpheggi are piscine/human hybrids with the “Innsmouth Look” – there are subsurface colonies of Deep Ones (later brought into D&D as Kuo-Toa) in the Sea of Dread offshore from the Malpheggi Fens.") Solche dierkten Bezüge wurden entfernt, als die Welt mit dem Erscheinen des Experten - Sets 1981 zum offiziellen Schauplatz der D&D - Module wurde. {Zuvor hatte Greyhawk diese Funktion erfüllt, doch handelte es sich dabei um Gary Gygax' persönliche Spielwiese, die er nunmehr für AD&D reservierte}. Für uns besonders interessant jedoch ist, dass Moldvay und Schick große Fans von Clark Ashton Smith waren. Wie letzterer in einem Artikel für Black Gate geschrieben hat:

We had both read widely in world history and mythology, and enjoyed a lot of the same fantasy fiction; we traded Lin Carter’s Ballantine Adult Fantasy books back and forth until we’d read them all, as well as everything we could find by Howard, Lovecraft, Tolkien, Merritt, Haggard, Harold Lamb, Dunsany, Hodgson, Machen, and Zelazny.
We were both nuts about Clark Ashton Smith, Tom was a Michael Moorcock and Philip José Farmer fanatic, while I could quote chapter and verse from the works of Jack Vance and Fritz Leiber. So we knew what we wanted to create: a single world setting that would enable us to simulate the fictional realities of these, our favorite authors.
Als Schick 1979 zum Leiter der Abteilung für Design und Entwicklung bei TSR wurde, holte er rasch seinen alten Freund und David "Zeb" Cook an Bord.
Viele von Moldvays Modulen enthalten cthulhuide Elemente. So erinnert The Lost City (1982) in seinem Setting nicht bloß an Conan - Stories wie Red Nails oder mehr noch The Slithering Shadow, der Monstergott Zargon trägt auch unverkennbar lovecraftianische Züge. {Und weist nebenbei eine erstaunliche Ähnlichkeit zu Dagoth aus Conan the Destroyer [1984] auf. Keine Ahnung, welche Verbindungen da bestanden haben.} Ähnliches gilt für die amphibischen Kopru aus Isle of Dread (1981), degenerierte Nachkommen einer längst untergegangenen, vormenschlichen Ziviliastion. Doch nirgendwo sonst wird das Spiel mit literarischen Vorbildern so offen wie in Castle Amber.

Auf ihrem Weg zur Hauptstadt des Zaubererreiches Glantri schlägt die Abenteuerergruppe ihr Nachtlager auf einem grünen Hügel unweit eines Flusses auf, nur um sich am nächsten Morgen im Foyer eines gewaltigen Schlosses wiederzufinden, das von einem tödlichen grauen Nebel umgeben ist. Unseren Helden bleibt keine Wahl, als das prächtige Gebäude zu erkunden, das sich als die Heimstatt der äußerst exzentrischen Familie D'Amberville {und natürlich einer Vielzahl von Monstern} entpuppt. Schließlich gelangen sie durch ein magisches Portal in die Parallelwelt von Averoigne, wo sie eine Reihe von magischen Gegenständen suchen müssen, die es ihnen zuguterletzt erlauben, das Mausoleum von Etienne d'Amberville heraufzubeschwören, den Fluch, der über dem Schloss lastet, zu brechen, und in ihr eigenes Universum zurückzukehren.
Der Averoigne - Teil des Moduls spielt nicht nur in Clark Ashton Smiths phantastischem Frankreich, viele der dort zu bestehenden Abenteuer basieren auch ganz direkt auf Kurzgeschichten wie The Colossus of Ylourgne, The Beast of Averoigne, The Enchantress of Sylaire und The Holiness of Azédarac. Als Zufallsbegegnung kann einem außerdem der Protagonist von A Rendezvous in Averoigne über den Weg laufen. Ich persönlich finde jedoch den ersten Teil, der in Burg Bernstein selbst spielt, sehr viel interessanter. Dem Ganzen Setting haftet etwas Unwirkliches, Bizarres und Morbid-Romantisches an. Die Atmosphäre ähnelt damit sehr viel stärker der von Smiths Geschichten, als in den eher plumpen Versuchen, direkt auf sein Oeuvre zurückzugreifen. Zugleich ist dieses Szenario mit einer ganzen Reihe literarischer Anspielungen gespickt, vor allem auf Werke von Edgar Allan Poe The Fall of the House of Usher, Hop-Frog und The Masque of the Red Death. Dabei versucht das Modul anders als im Averoigne - Teil nicht, die eigene Handlung an der der anzitierten Geschichten zu orientieren, vielmehr werden Szenen und Charaktere aus Poes Werken herausgegriffen und in die groteske Welt von Château d'Amberville überführt. Im Falle von The Masque of the Red Death handelt es sich z.B. bloß um eine Abfolge von Räumen, die in verschiedenen Farben gehalten sind. Neben Poe wird außerdem auf Sir Gawain and the Green Knight, Lovecrafts Through the Gates of the Silver Key und {möglicherweise} Hamlet angespielt. Der Metacharakter dieser Bezüge erreicht seinen Höhepunkt, wenn eine der Begegnungsstätten den Titel "Die Blumen des Bösen" trägt, davon abgesehen aber keinerlei Verbindungen zu Baudelaires Gedichten bestehen.

Ob Burg Bernstein in seiner ursprünglichen Form heute noch die Vorlage für ein paar unterhaltsame Rollenspielabende abgeben könnte? Ich bin mir nicht sicher, bezweifle das aber stark. {Freilich habe ich keine Ahnung, was in der Szene heute so en vogue ist.} 
Doch ganz ohne Frage besitzt das Heftchen seinen exzentrischen Charme, und der spielerische Umgang mit Motiven der klassischen Phantastik im ersten Teil wirkt auf mich ausgesprochen sympathisch. Gab es ähnliches auch in der Frühzeit deutschsprachiger Rollenspiele? Außer den Anspielungen auf Hauffs Geschichte von dem Gespensterschiff in DSAs Das Schiff der Verlorenen Seelen will mir da spontan nur wenig einfallen. 

Sonntag, 8. Januar 2017

Hark the rolling of the thunder!*

Der folgende Abriss der Klassenkämpfe in Großbritannien zwischen 1910 und 1926 ist als eine Art Anhang zu meinem jüngsten Beitrag über Tolkien und den Faschismus, sowie als historische Einleitung für mögliche kommende Essays über die Weltsicht des "Professors" gedacht.

Dass Tolkiens Weltanschauung und sein literarisches Werk stark von der fürchterlichen Erfahrung des 1. Weltkriegs geprägt wurden, ist heute wohl allgemein anerkannt. Sehr viel weniger Beachtung scheint mir jedoch dem Umstand geschenkt zu werden, dass das Großbritannien, in das Tolkien zurückkehrte, nachdem er die Hölle der Schützengräben überlebt hatte, eine von heftigen sozialen und politischen Konflikten zerrissene Nation war. Dabei scheint mir gerade dies von zentraler Bedeutung zu sein, wenn man verstehen will, warum der Schriftsteller und Gelehrte unter dem über die Jahre immer stärker werdenden Gefühl litt, in einer von den Mächten des Bösen beherrschten Welt zu leben. Warum er sich isoliert und verloren vorkam, nirgends mehr Halt fand als in jenem "kleinen Kreis von Vertrauten, wo der Ton zugleich bohemienhaft, literarisch und christlich war" (1) – wie C.S. Lewis die Gemeinschaft der Inklings in seinem vorsoglich verfassten Nachruf auf den Freund beschrieben hat. Warum er sich so sehr nach einer geordneten und stabilen Welt sehnte, die er sich als poetischen Zufluchtsort vor der Wirklichkeit schließlich in Gestalt Ardas in seiner Fantasie erschuf.

Die Geschichte der äußerst heftigen Klassenkämpfe, die in weiten Teilen Europas (und nicht nur dort) dem Ersten Weltkrieg folgten, scheint vielen heute nicht mehr vertraut zu sein. Es finden sich sogar schon wieder akademische Historiker & Historikerinnen, die die turbulenten Ereignisse jener Jahre allen Ernstes als Folge einer von Moskau gelenkten "bolschewistischen Verschwörung" abzutun versuchen. Ein Grund mehr, einen kurzen Blick in die revolutionären Annalen jener Zeit zu werfen.  
* * *
Das viktorianisch-edwardianische Zeitalter imperialer Größe, wirtschaftlicher Expansion und "sozialen Friedens" war bereits vor dem 1. Weltkrieg unwiderruflich zu Ende gegangen. Von 1910 bis 1914 erschütterte eine ununterbrochene Abfolge großer Streiks das Land. Die alten Gewerkschaften, die den Klassenkampf jahrzehntelang in friedliche Bahnen hatten lenken können und zum Nährboden für eine konservative, selbstzufriedene Bürokratie geworden waren, erwiesen sich als unfähig, die Militanz der Bergleute, Eisenbahner, Docker zu ersticken. Der Schriftsteller George Dangerfield schrieb über die "Labour Unrests": „Fires long smouldering in the English spirit suddenly flared, so that by the end of 1913, Liberal England was reduced to ashes.“ Der Schwefelgeruch der Revolution hing in der Luft und im Juli 1914 musste selbst Seine Königliche Majestät George V. beunruhigt konstatieren: „The cry of civil war is on the lips of the most responsible and sober-minded of my people.“ (1)

Der Ausbruch des Weltkriegs beendete fürs Erste die Unruhen. Wie in beinah allen kriegsführenden Ländern schloss die reformistische Führung der Gewerkschaften und der Labour-Party auch in Großbritannien einen Burgfrieden mit der Regierung und unterdrückte alle Streiks. Doch spätenstens ab 1916 flammte der Widerstand der Arbeiter gegen sinkende Löhne und rasant steigende Lebenshaltungskosten erneut auf und fand seinen organisatorischen Ausdruck in der basisdemokratischen Shop-Steward-Bewegung und den mit ihr verbundenen Arbeiterkomitees. Das Vorbild der Russischen Revolution wirkte inspirierend auf die militanten Vertreter der Arbeiterbewegung, und in der herrschenden Elite begann man, dem Ende des Krieges mit wachsender Besorgnis entgegenzublicken. Premierminister Lloyd George hatte den Soldaten ein „land fit for heroes to live in“ versprochen. Welche Folgen würde eine Demobilisierung der Armee unter diesen Umständen haben? 

Als im November 1918 der Waffenstillstand geschlossen wurde, befand sich Großbritannien zwar auf der Siegerseite, doch seine herrschende Klasse hatte wenig Grund, sich über diesen Triumph zu freuen. Nie zuvor war die britische Arbeiterbewegung so mächtig gewesen. Zwischen 1913 und 1920 stieg die Zahl der gewerkschaftlich organisierten Arbeiter um das Doppelte von 4.189.000 auf 8.493.000. Die Jahre 1919/20 wirkten wie eine verschärfte Neuauflage der "Labour Unrests". In einer Reihe von radikalen Streikaktionen rang die Arbeiterklasse den Unternehmern bedeutende Zugeständnisse ab. In vielen Branchen wurde die 48-Stunden-Woche eingeführt, das allgemeine Lohnniveau stieg über den Stand der Vorkriegszeit, die Regierung sah sich gezwungen, die Schaffung einer umfassenden Sozialgesetzgebung in Aussicht zu stellen, während die militanten Bergleute lautstark die Verstaatlichung der Kohlegruben forderten.
Derweil ging in ganz Europa das Gespenst des Kommunismus um. Drei der mächtigsten Dynastien des Kontinents – Hohenzollern, Habsburger und Romanows – waren gestürzt worden. In Russland hatten die Bolschewiki im November 1917 die Macht erobert. Im Frühjahr 1918 hisste die linkssozialistische Volksrepublik Finnland die rote Fahne über Helsinki, bevor sie von den Truppen General Mannerheims unter kaiserlicher Mithilfe in Blut ertränkt wurde. In Deutschland sollten die revolutionären Unruhen mit Unterbrechungen vom Kieler Matrosenaufstand im November 1918 bis zum tragisch gescheiterten "deutschen Oktober" des Jahres 1923 anhalten. Sogar in der angeblich so konservativen Schweiz sah sich die Regierung im Herbst 1918 gezwungen, den quasi-insurrektionären "Landesstreik" vom Militär unterdrücken zu lassen. In Ungarn und München entstanden 1919 kurzlebige Räterepubliken, und in Wien war es letztlich nur die Sozialdemokratie, die – ihre ganze Autorität zugunsten der bürgerlichen Ordnung in die Waagschale werfend – im selben Jahr die drohende Errichtung der Rätemacht verhinderte. Spanien erlebte seine drei "bolschewistischen Jahre" 1919-21, und selbst die Siegermacht Italien schien im biennio rosso – den "zwei roten Jahren" 1919/20 – an der Schwelle zu einer sozialistischen Umwälzung zu stehen. Während der Pariser Friedenskonferenz schrieb Lloyd George in einem Brief an den französischen Ministerpräsidenten Clemenceau: „The whole of Europe is filled with the spirit of revolution. There is a deep sense not only of discontent but of anger and revolution amongst the workmen against prewar conditions. The whole existing order in its political, social and economic aspects is questioned by the masses of the population from one end of Europe to the other.“ (2)
Als Ende Januar 1919 in Schottland 60-100.000 Arbeiter in den Ausstand traten, um die 40-Stunden-Woche zu erkämpfen (3), schickte die Regierung 10.000 mit Maschinengewehren und einer Haubitze ausgerüstete Truppen, unterstützt von Flugzeugen und Panzern, nach Glasgow. Englands Elite glaubte sich am Vorabend einer Revolution. Robert Munro, der Staatssekretär für Schottland, erklärte in einer Kabinettssitzung: „[I]t was a misnomer to call the situation in Glasgow a strike – it was a Bolshevist rising.“ (4) Selbst eine so unbestreitbare Autorität in Sachen Revolution wie Lenin glaubte Großbritannien in diesem Jahr einem sozialistischen Umsturz näher als etwa Frankreich. (5) Zumal es im Winter 1918/19 zu zahlreichen Meutereien in Armee und Marine gekommen war. Die einfachen Soldaten hatten genug von Kasernenmief, miserabler Versorgung und arroganten Offizieren. In erster Linie wollten sie nach Hause, und was sie auf gar keinen Fall wünschten war, gegen die Russische Revolution ins Feld geschickt zu werden. Kriegsminister Winston Churchills Traum von einer eine Millionen Mann starken Khaki-Truppe, die die Bolschewiken wie lästiges Ungeziefer ausmerzen sollte, ging nicht in Erfüllung. Angesichts dieser Revolten, an denen sich Zehntausende beteiligten, erschien es fraglich, ob sich die Regierung im Falle eines wirklichen Massenaufstands noch auf die Armee hätte verlassen können. Lloyd George bekannte gegenüber einer Gruppe führender Gewerkschaftsfunktionäre: „The Army is disaffected and cannot be relied upon. Trouble has already occurred in a number of camps. If you ... strike, then you will defeat us.“ (6)
Doch die radikale Linke war in England seit jeher in eine Unzahl kleiner sektenartiger Grüppchen zersplittert und daher unfähig, sich an die Spitze der Bewegung zu stellen. Erst 1920/21 wurde die Kommunistische Partei gegründet. Die altgedienten Labour- und Gewerkschaftsbürokraten aber, die in diesen Jahren nicht mit radikaler Rhetorik sparten, fürchteten nichts so sehr wie eine echte Revolution und führten ihre Anhänger mehr oder weniger bewusst in die Niederlage. 
Als am "Schwarzen Freitag" 1921 die Gewerkschaften den streikenden Bergleuten ihre Unterstützung versagten und der Dreibund aus Bergleuten, Transportarbeitern (Fuhrleuten) und Eisenbahnern zerbrach, der bislang die Speerspitze der Bewegung gebildet hatte, schien auch der Kampfeswille der Arbeiterklasse gebrochen, und die Welle der Streiks begann allmählich abzuebben.

Doch damit war die Krise nicht überwunden, denn sie wurzelte letztenendes im unaufhaltsamen ökonomischen und weltpolitischen Niedergang Großbritanniens. Im 19. Jahrhundert war England als "workshop of the world" der unangefochtene Herrscher über den Weltmarkt gewesen, während seine Flotten die Meere kontrolliert und seine Armeen und Diplomaten das Empire geschaffen hatten. Doch diese Zeiten waren nun endgültig vorüber. Großbritannien ging geschwächt aus dem Weltkrieg hervor, während die USA sich anschickten, zum neuen Hegemon aufzusteigen. Der Konkurrenz der amerikanischen Industrie, die über die modernsten und effizientesten Produktionstechniken und Managementformen verfügte, waren die englischen Unternehmen mit ihren veralteten Fabriken nicht gewachsen. Die Exportzahlen sanken, die Arbeitslosigkeit stieg sprunghaft an. Ohne die geschützten Märkte des Empires wären die Folgen noch viel dramatischer gewesen. Zugleich geriet die britische Wirtschaft in immer größere finanzielle Abhängigkeit von den Banken der Wall Street. 

Das britische Kolonialreich schien den Krieg zwar unbeschadet überstanden zu haben, und im Nahen Osten konnte London seine Macht im Zuge der Zerstückelung des Osmanischen Reiches sogar noch beträchtlich ausbauen, aber in Wahrheit zeigte das Empire in den Nachkriegsjahren immer deutlichere Zeichen des beginnenden Verfalls. Der Kampf des indischen Volkes gegen die Kolonialherren nahm seit 1919 mehr und mehr den Charakter einer revolutionären Massenbewegung an. Bauernaufstände und Arbeiterstreiks erschütterten das Raj. Auf dieser Grundlage startete die Congress-Partei Nehrus und Gandhis 1920/21 ihre berühmte "No-Cooperation" - Kampagne. Im Irak brauchte es monatelange Kämpfe, den Einsatz tausender Soldaten, Giftgas und die Bombardierung zahlloser Dörfer durch die RAF, bis man die rebellierende Bevölkerung 1920 endlich unterworfen und Marionettenkönig Faisal auf den Thron gehievt hatte. In Ägypten brach im März 1919 ein gewaltiger Volksaufstand gegen das britische Protektoratsregime aus. Ähnlich wie in Indien waren es die Arbeiter und Bauern, die der Bewegung ihre Schlagkraft verliehen, auch wenn die "offizielle" Führung – die Wafd-Partei – bürgerlich-nationalistisch war. Im Januar desselben Jahres wurde Londons Macht auch vor der eigenen Haustür herausgefordert, als das irische Parlament die Unabhängigkeit der Grünen Insel proklamierte, und die IRA ihren Guerillakrieg gegen die Besatzer aufnahm, der 1921/22 zum Verlust der ältesten Kolonie Englands führen sollte. Dabei zeigten Episoden wie die zwei Wochen des sogenannten "Sowjets von Limerick" im April 1919 (7), dass neben der nationalistischen Sinn Fein auch die Arbeiterklasse eine wichtige und potentiell revolutionäre Rolle in den irischen Kämpfen spielte.

Und auch an der "Heimatfront" erwies sich der "Schwarze Freitag" schon bald als eine Art Pyrrhussieg. Nach den Wahlen von 1923 zog Ramsay MacDonald als erster Labour-Premier in Downingstreet Nr. 10 ein, was freilich zu keinen weltbewegenden Veränderungen in der Regierungspolitik führte. Auch musste er sein Amt nach wenig mehr als einem Jahr bereits wieder an einen Tory abgeben. Dafür erlebte die gewerkschaftliche Militanz ab 1924 erneut einen mächtigen Aufschwung. Auf dem linken Flügel der Gewerkschaften bildete sich die sog. "Minority-Movement", die eng mit der Kommunistischen Partei und der Profintern (Rote Gewerkschaftsinternationale) zusammenarbeitete und ein rasches Wachstum zu verzeichnen hatte. (8) Auch einige Führer des Trades Union Congress (TUC) (9) rückten unter dem Eindruck der zunehmenden Radikalisierung der Basis deutlich nach links.

Erneut waren es die Bergleute, die im Zentrum der Kämpfe standen. Die Grubenbesitzer versuchten, die Kosten der Krise in der britischen Kohleindustrie auf den Rücken der Arbeiter abzuwälzen und forderten deutliche Lohnkürzungen und eine Verlängerung der Arbeitszeit. Da zeigte die Arbeiterbewegung am "Roten Freitag" – dem 31. Juli 1925 –, dass sie sich endgültig von der Niederlage von 1921 erholt hatte. Der Generalrat des TUC drohte damit, die Förderung und den Transport von Kohle in ganz England lahmzulegen, und die rasche Mobilisierung der Arbeiter zeigte, dass dies keine leeren Worte waren. Die Unternehmer zogen ihre Forderungen erst einmal zurück. 
Doch noch war der Kampf nicht entschieden. In den folgenden Monaten spitzte sich die Lage immer weiter zu, und in den Kohlerevieren begann man mit massenhaften Aussperrungen. Ihren dramatischen Höhepunkt erreichte die Auseinandersetzung mit dem Generalstreik vom 3.-12. Mai 1926. So etwas hatte es seit dem "Plug Plot" der Chartisten im Jahre 1842 nicht mehr gegeben. Der Generalrat hatte diese Kraftprobe weder gewünscht noch sich ernsthaft auf sie vorbereitet. Dafür übertraf der Enthusiasmus und Kampfeswille der Massen alle Erwartungen (oder Befürchtungen). Rund vier Millionen Männer und Frauen legten die Arbeit nieder, und in bürgerlichen Kreisen war das Gefühl weit verbreitet, man stehe am Rande eines Bürgerkriegs.
Die Regierung war bemüht, diesen Eindruck möglichst noch zu verstärken, denn Tories wie Winston Churchill sahen im Generalstreik die ideale Gelegenheit, um die Gewerkschaften ein für alle Mal zu zerschlagen. Nach dem "Roten Freitag" hatte die Regierung vorsorglich zwölf Führer der Kommunistischen Partei ins Gefängnis geworfen und alle nur erdenklichen Vorbereitungen für den großen Showdown mit der Arbeiterklasse getroffen. Diese Pläne wurden nun in die Tat umgesetzt. Der Ausnahmezustand wurde verhängt, Heer und Marine in Alarmbereitschaft versetzt, Sondereinsatztruppen der Polizei und staatliche Streikbrechertrupps – die von faschistischen Elementen dominierte OMS ("Organisation for the Maintenance of Supplies") – mobilisiert. 
Die Furcht des Bürgertums, einer revolutionären Bedrohung gegenüberzustehen, war nicht unbegründet. Überall im Land kam es zu gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern auf der einen, Polizisten, Soldaten und OMS-Streikbrechern auf der anderen Seite. Mancherorts übernahmen die Aktionskomitees der Streikenden die Funktion embryonaler Arbeiterräte (Sowjets) und in East Fife bildete sich eine siebenhundert Mann starke Arbeitermiliz, die sich Straßenschlachten mit der Polizei lieferte – erste zaghafte Anzeichen einer "Doppelherrschaft" (10), wie wir sie aus jeder revolutionären Situation kennen. 
Der Generalrat des TUC indessen tat alles, was in seiner Macht stand, um eine weitere Radikalisierung des Massen zu unterbinden. Seine Mitglieder, zu denen auch Vertreter des sogenannten linken Flügels gehörten, beteuerten öffentlich ihre Treue zur Verfassung und sprachen dem Streik jeden politischen Inhalt ab. J. R. Cleynes von der "General and Municipal Workers Union" offenbarte die wahren Gefühle der Gewerkschaftsbürokraten, als er erklärte: „I am not in fear of the capitalist class. The only class I fear is our own." (11) Aber die Regierung blieb bei ihrem Konfrontationskurs, und schließlich beendeten die Gewerkschaftsführer hastig die Arbeitsniederlegung ohne irgendwelche ernstzunehmenden Zugeständnisse erhalten zu haben. Die von Trotzki scharf kritisierte Politik der britischen Kommunisten, die auf Order aus Moskau den linken Flügel des TUC kritiklos unterstützten, spielte für diesen Ausgang des Kampfes eine entscheidende Rolle. Staat und Unternehmertum triumphierten. 
Der britischen Arbeiterbewegung war eine der schwersten Niederlagen ihrer Geschichte beigebracht worden. Eine Reihe von Antigewerkschaftsgesetzen, die im darauffolgenden Jahr erlassen wurden, erklärten u.a. Solidaritätsstreiks wie den von 1926 für illegal.
* * *
Was all dies mit Tolkien zu tun hat? Oberflächlich betrachtet sicher nur sehr wenig. 

Von 1920 bis 1925 unterrichtete er erst als Lektor, dann als Professor für englische Sprache an der Universität Leeds. In dieser nordenglischen Industriestadt wird es ihm kaum möglich gewesen sein, die großen sozialen Konflikte dieser Jahre zu ignorieren, doch mehr lässt sich darüber nicht sagen. Wäre er zur Zeit des Generalstreiks noch dort gewesen, so hätte er Zeuge von gewaltsamen Tumulten im Stadtzentrum werden können, als aufgebrachte Arbeiter gegen Streikbrecher im öffentlichen Nahverkehr vorgingen. Doch er war bereits Anfang 1926 mit seiner Familie nach Oxford übergesiedelt, wo er die Rawlinson- und Bosworth-Professur für Angelsächsisch antrat. Damit war er zwar sicher noch stärker vom englischen Alltagsleben abgeschnitten als bisher, doch selbst Oxford bildete keine hermetisch abgeschlossene Insel der Gelehrten. Während des Generalstreiks existierte ein Streikkomitee an der Universität, über dessen Arbeit eines seiner Mitglieder – Margaret Cole – berichtet: „Some members of the Labour Club formed a University Strike Committee, which set itself three main jobs; to act as liaison between Oxford and Eccleston Square, then the headquarters of the TUC and the Labour Party, to get out strike bulletins and propaganda leaflets for the local committees, and to spread them and knowledge of the issues through the University and the nearby villages. Die Feministin und Sozialistin Cole war sicher nicht der Typ Mensch, mit dem Tolkien Umgang pflegte, aber wir dürfen davon ausgehen, dass der Generalstreik auch an ihm nicht unbemerkt vorübergegangen sein wird.

Doch wichtiger als etwaige direkte Konfrontationen mit den großen sozialen Kämpfen seiner Zeit, scheint mir der Einfluss, den die allgemeine gesellschaftliche Krise meiner Ansicht nach auf das Weltbild Tolkiens ausgeübt haben muss. Eine Frage, mit der ich mich hoffentlich in einigen künftigen Essays beschäftigen werde.



* Aus dem Refrain von William Morris' The March of the Workers.
(1) Zit. nach: Humphrey Carpenter: J.R.R. Tolkien. Eine Biographie. S. 268.
(2) Zit. nach: Arno Mayer: Politics and Diplomacy of Peacemaking. S. 8. Vgl.: Nick Beams: The 1920s – The road to depression and fascism. In: Marxism, the October Revolution and the Historical Foundations of the Fourth International. S. 69.
(3) Zit. nach: E. H. Carr: The Bolshevik Revolution, 1917-1923. Bd. III. S. 136f. Vgl.: Nick Beams: a.a.O. S. 70.
(4) Wer Hal Duncans phantastischen Roman Vellum gelesen hat, erinnert sich vielleicht noch an die Passagen über den schottischen Revolutionär John Maclean und den Blutigen Freitag (31. Januar 1919), als auf dem George Square in Glasgow die Polizei mit ungebremster Brutalität über die friedlich demonstrierenden Arbeiter herfiel.
(5) Zit. nach: 1915-1920: Red Clydeside and the shop stewards' movement
(6) Lenin äußerte sich dahingehend in einem Gespräch mit dem englischen Schriftsteller Arthur Ransome. Vgl. A. Ransome: Lenin in 1919. In: Albert Rhys Williams: Lenin – The Man and His Work. S. 168.
(7)  Zit. nach: Aneurin Bevan: In Place of Fear. S. 20. Vgl.: Dave Lamb: Mutinies.
(8) Vgl.:  D.R. O'Connor Lysaght: The story of the Limerick soviet, 1919.
(9) Vgl.: Brian Pearce (Joseph Redman): The Early Years of the CPGB & Some Past Rank-and-File Movements.
(10) Der marxistische Begriff der "Doppelherrschaft" meint die Entstehung neuer Machtorgane neben dem existierenden Staatsapparat, die sich direkt auf die aufständischen Volksmassen stützen und die Keimzelle des neuen revolutionären Regimes bilden. Das Phänomen lässt sich in allen großen Revolutionen beobachten. Die bedeutendste Ausnahme bildet in gewisser Hinsicht der Amerikanische Bürgerkrieg, was auf dessen besonderen Charakter als Fortsetzung und Vollendung der bürgerlichen Revolution von 1776 zurückzuführen ist.
(11) Der Dachverband der britischen Gewerkschaften.

Samstag, 7. Januar 2017

Strandgut der Woche

Donnerstag, 5. Januar 2017

Tolkien und die kleinbürgerliche Utopie

Corrupted romanticism is as
unwholesome as [...]
corrupted realism.
Michael Moorcock, Epic Pooh 

Eigentlich hatte ich mir vorgenommen, mit etwas Verspätung einen kurzen Beitrag zur Feier von J.R.R. Tolkiens einhundertfünfundzwanzigstem Geburtstag zu schreiben. Doch nun hat der gute "Murilegus rex" auf seinem Blog Lake Hermanstadt einen äußerst lesenswerten Beitrag mit dem Titel Gibt es faschistische Fantasy? veröffentlicht, dessen Lektüre mich dazu animiert hat, in einem meiner alten Tolkien - Manuskripte herumzublättern und einige Passagen hervorzukramen, die sich als eine Art weiterführender Kommentar zu diesem Essay eignen könnten

In Auseinandersetzung mit dem neonazistischen Blödsinn der Metapedia beschäftigt sich "Murilegus rex" in erster Linie mit der Frage, inwieweit sich Tolkiens Lord of the Rings mit der "Rassenlehre", wie sie von den Nationalsozialisten und anderen vertreten wurde, vereinbaren lässt. Ohne Zweifel ein interessantes Thema, doch in Anbetracht des Titels, den  sein Essays trägt, scheint mir das etwas zu kurz gegriffen. Faschismus – sowohl als Ideologie wie als politische Bewegung – lässt sich nicht auf das Element des Rassismus reduzieren. Wobei ich wohl rasch hinzufügen sollte, dass ich nicht glaube, "Muriligus rex" habe diesen Eindruck vermitteln wollen. Das Folgende ist darum auch nicht als Kritik an seinem Text gedacht. Vielmehr möchte ich versuchen, das Thema "Tolkien und der Faschismus" von einer etwas anderen Perspektive – abseits des Fragenkomplexes Rassismus/Rassentheorie – anzugehen.

Michael Moorcock, den man als den Urvater der linken Tolkienkritik in der Phanatstik-Szene bezeichnen kann, zählt in seinem Essay Starship Stormtroopers den "Professor" zusammen mit H.P. Lovecraft, Robert Heinlein und Ayn Rand zu den "crypto-fascists" – ein Begriff, der ungefähr so verschwommen ist wie unser "faschistoid". 
Dem ließe sich mit gutem Recht entgegenhalten, dass der Geist des Lord of the Rings in vielerlei Hinsicht ganz und gar nicht den Wertvorstellungen des Faschismus entspricht: Hochmütiges Herrenmenschentum à la Boromir oder Denethor erscheint in keinem guten Licht; die Hobbits verkörpern einen auf der Tugend des Mitgefühls basierenden Heldentypus, den Arno Breker unter Garantie nie in meterhohe Marmorblöcke gemeißelt hätte; und natürlich gleicht auch der edle König Aragorn mitnichten Adolf dem Anstreicher, sondern eher einem wiedergekommenen Artus. Und dennoch gibt es da meiner Meinung nach tatsächlich einige Berührungspunkte. Nicht weil Tolkien ein verkappter Nazi gewesen wäre, sondern weil er die Welt aus einer ähnlichen sozialen Perspektive betrachtete – der Perspektive des von den Erschütterungen des beginnenden 20. Jahrhunderts verängstigten Kleinbürgers. 

Ironischerweise finden sich Spuren dieser Verwandtschaft weniger in den heldischen Gestalten der blonden und blauäugigen Rohirrim, sondern eher in den grünen Gauen des Auenlandes mit seinen ebenso beschränkten wie glücklichen Bäuerlein. Wir haben bei dem Wort Faschismus fälschlicherweise immer gleich Massenaufmärsche, schwarze SS-Uniformen oder muskelbepackte Siegfrieds vor Augen. Aber neben dem Militaristischen und vermeintlich "Heroischen" hat das Sentimentale einen ebenso festen Platz in der faschistischen "Kultur": Heimat, Natur, Landleben, Familie. Einer der gruseligsten Aspekte des Faschismus war es ja gerade, dass es sich bei ihm um ein auf wagnersche Dimensionen aufgeblähtes Spießertum handelte. Einige besonders haarsträubende Beispiele dafür werden uns in den besten Passagen von Michail Romms Dokumentarfilmklassiker Der gewöhnliche Faschismus präsentiert.
Moorcock schreibt in Epic Pooh: „The appeal of the Shire has certain similarities with the appeal of the ‘Greenwood’ which is, unquestionably, rooted in most of us. (1) Es waren Romantiker wie John Keats, Leigh Hunt und Thomas Love Peacock, die aus dem "grene wode" der alten Balladen um Robin Hood einen poetischen Zufluchtsort vor dem von industrieller Revolution und Manchesterkapitalismus gezeichneten England ihrer Tage gemacht hatten. In ihm fand ihr Ideal eines freien, natürlichen und kameradschaftlichen Lebens seinen Ausdruck. Doch hatte bei ihnen dabei stets eine rebellische Note mitgeschwungen. Schließlich waren Robin und seine "merry men" in erster Linie dafür bekannt gewesen, fette Mönche um ihr Gold zu erleichtern und den hochmütigen Sheriff von Nottingham an der Nase herumzuführen. Dieser Aspekt ist bei Tolkien gänzlich verlorengegangen. Ihm hätte sicher weder der ironische Tonfall von Peacocks seinerzeit sehr beliebtem Roman Maid Marian noch der heftige Antiklerikalismus von Hunts Robin Hood - Balladen gefallen. Von der romantischen Revolte erhalten hat sich bei ihm in erster Linie die Sehnsucht nach einer verklärten vorindustriellen Vergangenheit. Dies zeigt sich vielleicht am deutlichsten in der Darstellung des Auenlandes.

Wie ich in einem älteren Blogpost über die Politik des Herr der Ringe ausführlicher ausgeführt habe, sehe ich eine enge Verwandtschaft zwischen dem von Tolkien gezeichneten Bild eines Utopias der kleinen Bauern und biederen Handwerker und der Ideologie des sog. "Distributismus", die von G.K. Chesterton und Hilaire Belloc vertreten wurde. Mein damaliger Beitrag endete mit folgendem Absatz:
Das bedeutet natürlich nicht, dass Tolkien [Bellocs] The Servile State oder vergleichbare Schriften tatsächlich gelesen haben muss. Sein Denken wurzelte jedoch in denselben sozialen Verhältnissen wie das der Chesterbelloc (so nannte Bernard Shaw scherzhaft den Kreis um Belloc und Chesterton). Dass sich die Mittelschichten angesichts einer gesellschaftlichen Krise in die "gute, alte Zeit" zurücksehnen, ist ein häufig zu beobachtendes Phänomen. In ihrer sozialen Stellung sowohl von den "Plutokraten" als auch von den Proletariern bedroht, wünschen sie, den Kapitalismus nicht abzuschaffen, sondern auf das Niveau einer Gesellschaft kleiner Warenproduzenten zurückführen zu können. Wie Chesterton es ausdrückte: "Too much capitalism does not mean too many capitalists, but too few capitalists." Nicht selten entdecken die Ideologen des Kleinbürgertums das ersehnte Goldene Zeitalter im zünftlerischen Handwerk des Mittelalters, während sie den mit der Scholle verbundenen Bauern als Idealtyp den entwurzelten und bedrohlichen städtischen Massen gegenüberstellen. Hierin berühren sich der "Distributismus" und Tolkiens literaterische Vision.
Und genau das ist auch der Punkt, an dem es zu beunruhigenden Überschneidungen mit der Ideologie des Faschismus kommt. Handelt es sich bei diesem doch gleichfalls um eine Art Revolte des Kleinbürgertums gegen die herrschenden Verhältnisse.
Auch Mussolini und Hitler sagten im Namen des bedrohten Mittelstandes dem Finanzkapital den Kampf an, schworen die "Zinsknechtschaft" zu brechen und gaben sich während der "Kampfzeit der Bewegung" alles in allem äußerst "revolutionär", während sie gleichzeitig die "Marxisten" zu den Hauptfeinden der Nation erklärten und die Terrorbanden der Fasci di Combattimento und der SA gegen die Arbeiterbewegung in den Kampf schickten. Das "ewige" Programm der NSDAP von 1920 forderte u.a.
die Schaffung eines gesunden Mittelstandes und seine Erhaltung. Kommunalsierung der Großwarenhäusern und ihre Vermietung zu billigen Preisen an kleine Gewerbetreibende, schärfste Berücksichtigung aller kleinen Gewerbetreibenden bei Lieferungen an den Staat, die Länder oder Gemeinden [...] Verstaatlichung aller bisher bereits vergesellschafteten (Trusts) Betriebe [...] Gewinnbeteiligung an Großbetrieben (2) 
Viele italienische Faschisten und der linke Flügel der Nazis um die Brüder Strasser gebärdeten sich noch sehr viel radikaler. (3)

Die wütende Feindschaft gegen den Sozialismus, die Idealisierung des kleinen Gewerbetreibenden, der Hass auf die "Bonzen" und "Shylocks", die kultische Verehrung des "gesunden Bauernstandes" und der patriarchalischen Familie (Chesterton und Belloc waren unversöhnliche Gegner des Frauenwahlrechts) – all diese Züge teilten Distributismus und Faschismus. Auch sollte nicht unerwähnt bleiben, dass die von den Chesterbelloc attackierten "Plutokraten" ominöserweise sehr oft jüdische Namen trugen. George Orwell erwähnt in seinem Essay Anti-Semitism in BritainChesterton’s endless tirades against Jews, which he thrust into stories and essays upon the flimsiest pretexts“ als krassestes Beispiel für den virulenten Judenhass, der zu Beginn des Jahrhunderts in Englands gebildeter Klasse herrschte.
Angesichts der sich verschärfenden Klassenkämpfe in Großbritannien und der bolschewistischen Revolution in Russland rückten die Chesterbelloc in den 20er und 30er Jahren immer weiter nach rechts. Belloc hatte seine politische Karriere als Mitglied der sozialdemokratischen Fabian Society begonnen und war von 1906 bis 1910 Abgeordneter der Liberalen Partei im Unterhaus gewesen. Jetzt forderte er die Auflösung des Parlaments und die Schaffung von ständischen Vertretungen nach dem Vorbild der mittelalterlichen Korporationen. Zusammen mit Chesterton predigte er in den Spalten der G.K.’s Weekly sein System des Distributismus und zog kreuz und quer durchs Land, um distributistische Ortsgruppen zu gründen. Die Chesterbelloc als Faschisten zu bezeichnen, wäre sicher falsch. Chestertons humaner Charakter macht es beinahe unmöglich, sich den geistreichen Dicken in der Uniform von Oswald Mosleys Schwarzhemden vorzustellen. Dennoch war es kein Zufall und auch kein Missverständnis, dass der Distributismus in den USA seinen begeistertsten Anhänger ausgerechnet in Seward Collins fand. Der Herausgeber der American Review, auf deren Seiten u.a. die Southern Agrarians ihre Farmer- und Sklavenhalterromantik propagierten, bezeichnete sich selbst offen als "american fascist" und war ein glühender Verehrer Hitlers und Mussolinis. Belloc mochte sein Ideal im Merry England des Mittelalters erblicken, doch wären seine korporatistischen Fantasien politische Wirklichkeit geworden, so hätte das Ergebnis eher dem katholisch-faschistischen Ständestaat des portugiesischen Diktators António de Oliveira Salazar geglichen. In den 30er Jahren äußerten die Distributisten vermehrt Sympathien für Mussolini. Chesterton interviewte den Duce für den G.K.’s Weekly, während er zugleich seinen alten Buhmann, den jüdischen Plutokraten, um den Typus des jüdischen Bolschewiken ergänzte. Der Übergang vom konservativen Antikapitalismus zum Faschismus ist oft fließend, wie in England schon lange zuvor das Beispiel Thomas Carlyles gezeigt hatte.

Tolkiens Katholizismus und Antisozialismus, sein ständisches Gesellschaftsideal und sein Hang zu feudaler Romantik rückten ihn in die Nähe der Chesterbelloc. Andererseits trennte ihn sein tiefes Misstrauen gegenüber allen politischen Bewegungen und Reformvorhaben von den Distributisten.
Für das „erbärmliche Reich des Führers" (4) hatte er nur wohlverdiente Verachtung übrig, auch wenn er sich einmal positiv über die deutschen „Tugenden des Gehorsams und des Patriotismus“ (5) äußerte. Ebenso soll nicht verschwiegen werden, dass er stets ein erklärter Gegner des Antisemitismus war. Er war ganz sicher kein Faschist, doch seine Weltanschauung und vor allem sein wütender Antikommunismus brachten ihn mitunter genauso wie die Chesterbelloc in ausgesprochen unappetitliche politische Gesellschaft.
Am deutlichsten zeigt sich das vielleicht im Zusammenhang mit Tolkiens Reaktion auf den Spanischen Bürgerkrieg. Während der heroische Kampf der arbeitenden Massen Spaniens gegen die Faschisten einen begeisterten Widerhall unter Großbritanniens linken Intellektuellen fand und zu deren weiterer Radikalisierung beitrug, stand Tolkien felsenfest auf der Seite General Francos, kämpfte dieser doch mit dem Segen des Papstes gegen die gottlosen "Roten". 
Wir dürfen getrost davon ausgehen, dass Tolkien auch nicht das Geringste über die Revolution in Spanien wusste, außer dass katholische Priester von den revolutionären Milizen getötet und Kirchen zerstört worden waren. Die monarchistischen Requetes-Milizen hingegen zogen mit dem Schlachtruf "Viva Cristo Rey!" ("Es lebe König Christus!") in den Kampf gegen die Republik, und ihre Stellungen wurden von Parolen wie „Quando matas un rojo tienes un ano de purgatorio de menos!“ (‘Wenn Du einen Roten tötest, musst Du ein Jahr weniger im Fegefeuer verbringen!’) geziert. (6) Echte Kreuzritter eben ...
Als im Oktober 1944 der rechtsradikale katholische Dichter Roy Campbell – ein fanatischer Anhänger Francos und Apologet Hitlers, dessen Verse zeitweilig in Oswald Mosleys Zeitung veröffentlicht wurden – bei den Inklings aufkreuzte, war Tolkien begeistert. In einem Brief an seinen Sohn Christopher verklärte er ihn zu einer Art "fahrendem Ritter" – „ganz so wie ‘Trotter’ [der ursprüngliche Name von Strider/Streicher] im Tänzelnden Pony, genauso!“ – und zeigte sich geschmeichelt, dass dieser „kraftvolle Dichter und Soldat in Oxford hauptsächlich Lewis (und mich) hatte sehen wollen." (7) C.S. Lewis attackierte Campbell und dessen „particular blend of Catholicism and Fascism“ (8) heftig, wofür Tolkien ihn seinerseits scharf kritisierte – offenbar saß der Freund der „roten Propaganda“ auf. Er selbst jedenfalls war tief beeindruckt von dem „Soldaten, Dichter und bekehrten Christen“. Zu den "Heldentaten" dieses "Teufelskerls" gehörte es unter anderem, den avantgardistischen Bildhauer Jacob Epstein und den linken Schriftsteller Stephen Spender zusammengeschlagen zu haben, was Tolkien mit Genugtuung vermerkte: Von Campbells Histörchen „am besten gefallen hat mir eine über den schmierigen Epstein (den Bildhauer), wie er sich mit dem geschlagen und ihn für eine Woche ins Krankenhaus gebracht hat.“ Diese Bemerkung wirkt besonders erschreckend, weil uns Tolkien ansonsten als ein Mensch begegnet, der jede sinnlose Gewalt verabscheute. Sein blindwütiger Hass auf die "Roten" und insbesondere auf die linken britischen Intellektuellen scheint die übelsten Seiten seines Wesens geweckt zu haben. (9)
Es ist vielleicht kein Zufall, dass wir in demselben Brief auf eine jener Passagen stoßen, in denen sein Abscheu vor der modernen "Maschinengesellschaft" apokalyptische Dimensionen annimmt, und er offen vom Untergang der menschlichen Zivilisation träumt: 
Nicht das Nicht-menschliche (z.B. das Wetter) und auch nicht der Mensch (sogar auf einer niedrigen Stufe), sondern das vom Menschen Gemachte ist das letztlich Entmutigende und Unerträgliche. Würde ein ragnarök [das Weltende in der nordgermanischen Mythologie] alle Slums, Gaswerke, die schäbigen Garagen und die langen Vororte mit ihren Bogenlampen niederbrennen, so könnten von mir aus auch alle Kunstwerke mit verbrennen – und ich würde wieder zu den Bäumen zurückkehren.
In einem anderen Brief ergeht er sich, auf die Terrorakte antifaschistischer Widerstandsbewegungen anspielend, in einer anarchischen und unmenschlichen Lust an der Zerstörung: 
Der einzige Lichtblick ist, dass unter den verdrossenen Leuten die Gewohnheit wächst, Fabriken und Kraftwerke in die Luft zu sprengen; hoffentlich kann diese heute als ‘patriotisch’ geförderte Gewohnheit sich halten. Aber sie wird nichts nützen, wenn sie nicht universal ist. (10)
Das sind natürlich vereinzelte extreme Ausbrüche. Tolkien litt Zeit seines Lebens unter ziemlich heftigen Gemütsschwankungen und wir können davon ausgehen, dass diese Zeilen in einer seiner depressiven Phasen geschrieben wurden. Dennoch zeigen sie sehr deutlich, worauf sein Denken in letzter Konsequenz hinauslief.

An dieser Stelle lässt sich auch der Bogen zurück zum Lord of the Rings schlagen – insbesondere zur Schilderung der "Befreiung des Auenlandes" ("Scouring of the Shire") am Ende des Romans.
Die menschlichen Gehilfen Sarumans werden als "ruffians" bezeichnet. {Carroux’ Übersetzung "Strolche" klingt etwas altbacken,  der Begriff "Rowdy" kommt dem Gemeinten vermutlich näher.} Die "ruffians" sind großmäulige und brutale Burschen, die faul in der Gegend herumlungern, Schwächere terrorisieren und von der Arbeit anderer leben. Das Regiment, das Lotho mit ihrer Hilfe errichtet hat, scheint Tolkiens Vorstellung von Kommunismus zu entsprechen:
Es gab nichts mehr zu rauchen, außer für seine Menschen; und der Oberst hielt nichts von Bier, außer für seine Menschen, und schloss alle Wirtshäuser; und alles außer den Vorschriften wurde knapper und knapper, es sei denn, man konnte ein bisschen von seinem Eigentum verstecken, wenn die Strolche herumgingen und Lebensmittel ‘zur gerechten Verteilung’ einsammelten: was bedeutete, dass sie es bekamen und wir nicht, abgesehen von dem Abfall, den man sich in den Büttelhäusern holen durfte, wenn man ihn verdauen konnte.
Einer der Hobbits beschwert sich: 
Wir bauen eine Menge Nahrungsmittel an, aber wir wissen nicht so recht, was daraus wird. Es sind alle diese ‘Sammler’ und ‘Verteiler’, nehme ich an, die herumgehen und zählen und abmessen und das Zeug ins Lager bringen. Sie sammeln mehr ein, als sie verteilen, und das meiste von der Ernte sehen wir nicht wieder.
Die "ruffians" sind degenerierte und entartete Kreaturen, was man bereits an ihrem Aussehen ablesen kann: „Sie schielten und hatten eine fahle Gesichtsfarbe.“ In ihrer Mehrheit dürfte es sich bei ihnen um das Produkt von Sarumans teuflischen Experimenten handeln, der versucht hat, Menschen und Orks miteinander zu kreuzen. Wer anderes sind diese "ruffians" als der städtische "Mob", vor dessen "Machtergreifung" es Tolkien graust, und deren monströses Porträt er bereits in Gestalt der Orks gezeichnet hatte? 
Und selbstverständlich sind es diese "ruffians", die im Auftrag Lothos die Industrialisierung in das ländliche Idyll getragen haben. Wenn Bauer Hüttinger über die Neue Mühle schimpft, glaubt man, die Stimme des Oxford-Dons zu hören, der beim Anblick jeder neugebauten Straße ausrief: „Das wird aus Englands letztem Boden!“
Nehmt Sandigmanns Mühle zum Beispiel. Pickel [Lotho] hat sie fast sofort als er nach Beutelsend kam, abgerissen. Dann brachte er einen Haufen übelaussehender Menschen her, damit sie eine größere bauten und sie mit Rädern und allen möglichen ausländischen Erfindungen vollstopften. Nur der dumme Timm war froh darüber, und jetzt arbeitet er da und reinigt Räder für die Menschen, wo sein Vater der Müller und sein eigener Herr gewesen war. Pickels Gedanke war, mehr und schneller zu mahlen, das sagte er jedenfalls. Er hat noch andere Mühlen wie diese. Aber man muss Mahlgut haben, ehe man mahlen kann; und für die neue Mühle war nicht mehr da als für die alte.
Es dürfte schwer fallen, ein dümmeres Argument gegen den technischen Fortschritt zu finden. Aber letztlich geht es ja gar nicht um Produktivität. Denn ganz gleich wie Lothos ursprüngliche Motive ausgesehen haben mögen, am Ende steht Zerstörung um der Zerstörung willen:
Doch seit Scharrer [Saruman] kam, mahlen sie überhaupt kein Korn mehr. Da ist immer ein Gehämmere und aufsteigender Rauch und Gestank, und nicht mal nachts hat man Frieden in Hobbingen. Und sie gießen absichtlich Unrat aus; die ganze untere Wässer haben sie verunreinigt, und die fließt ja in den Brandywein. Wenn sie das Auenland zu einer Wüste machen wollen, dann sind sie auf dem richtigen Weg.
Nach Erscheinen des Lord of the Rings äußerten einige Kritiker die Vermutung, das Regime Scharrers spiele auf die Verhältnisse in England nach dem 2. Weltkrieg an, als die mit überwältigender Mehrheit gewählte Labour-Regierung unter Premierminister Clement Attlee im Rahmen eines keynesianischen Wirtschaftsprogramms eine Reihe begrenzter Verstaatlichungen und Sozialreformen durchführte – was für die Tories einer Einführung des Sozialismus gleichkam. Tolkien lehnte eine solche Interpretation stets entschieden ab, dennoch kann man gut verstehen, wie Leser des Romans auf diese Idee kommen konnten.
Der Aufstand der Hobbits gegen Scharrer und seine Bande ist im Kern eine Revolte von Bauern und Kleinbürgern gegen die Moderne. Er ist jene herbeigesehnte Bewegung "verdrossener Menschen", die „Fabriken und Kraftwerke in die Luft sprengen.“ Zwar soll es Leute geben, die die "Befreiung des Auenlandes" „durchaus marxistisch als proletarischen Sklavenaufstand“ interpretieren, doch wie ihnen das gelungen ist, kann ich mir ehrlich gesagt nur schwer vorstellen. Natürlich geht es auch um die Befreiung von einer Diktatur, denn für Tolkien sind technischer Fortschritt und Despotie gar nicht voneinander zu trennen. Doch der antimoderne Zug ist einfach zu offensichtlich, um übersehen werden zu können. Suchte man nach einer Parallele zum Aufstand der Hobbits in der realen Geschichte, so käme einem zuallererst Andreas Hofers Tiroler Rebellion gegen Napoleon und seine bayerischen Alliierten in den Sinn, zu deren Auslösern u.a. der von Kapuzinerpater Haspinger gepredigte Widerstand gegen die von Bayern und Franzosen eingeführte Pockenimpfung gehörte ... 
Gerade da, wo Tolkien rebellisch zu werden scheint, ist seine Erzählung am fragwürdigsten.

Zum Abschluss sollte ich wohl noch einmal betonen, dass ich den Geist von Tolkiens literarischem Werk für äußerst ambivalent und widersprüchlich halte. Er erschöpft sich nicht in dem von mir hier beschriebenen reaktionären Element. Der Lord of the Rings enthält meiner Ansicht nach viel bewundernswertes und tief menschliches. Dennoch halte ich eine ernsthafte und kritische Auseinandersetzung mit den problematischen Seiten der tolkienschen Fantasy für geboten – gerade von Seiten derer, die die Schöpfung des "Professors" schätzen und lieben.  


(1) Michael Moorcock: Wizardry and Wild Romance. S. 127.
(2) Zit. nach: Reinhard Kühnl: Formen bürgerlicher Herrschaft. Liberalismus – Faschismus. S. 92.
(3) Nach ihrer Machtergreifung zeigten die faschistischen Parteien selbstverständlich keinerlei Neigung dazu, ihr Programm der "kleinbürgerlichen Revolution" tatsächlich umzusetzen. Um Leo Trotzkis Essay Porträt des Nationalsozialismus zu zitieren: "Der deutsche wie der italienische Faschismus stiegen zur Macht über den Rücken des Kleinbürgertums, das sie zu einem Rammbock gegen die Arbeiterklasse und die Einrichtungen der Demokratie zusammenpressten. Aber der Faschismus, einmal an der Macht, ist alles andere als eine Regierung des Kleinbürgertums. Mussolini hat recht, die Mittelklassen sind nicht fähig zu selbstständiger Politik. In Perioden großer Krisen sind sie berufen, die Politik einer der beiden Hauptklassen bis zur Absurdität zu treiben. Dem Faschismus gelang es, sie in den Dienst des Kapitals zu stellen. [...] Das Programm der kleinbürgerlichen Illusionen wird dabei nicht abgeschafft, es wird einfach von der Wirklichkeit abgetrennt und in Ritualhandlungen (Arbeitsdienstpflicht, Eintopfsonntag etc.) aufgelöst."
(4) J.R.R. Tolkien: Über Märchen. In: Ders.: Die Ungeheuer und ihre Kritiker. S. 190.
(5) Brief an Michael Tolkien [9. Juni 1941]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 46. S. 76.
(6) Vgl.: Mieczyslaw Bortenstein (M. Casanova): Spain Betrayed. How the Popular Front Opend the Gates to Franco. Kap. 5. In: Revolutionary History. Vol. 4. No. 1-2.
(7) Brief an Christopher Tolkien [6. Oktober 1944]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 83. S. 127ff.
(8) Humphrey Carpenter: The Inklings. C. S. Lewis, J. R. R. Tolkien, Charles William and their friends. S. 192.
(9) Ironischerweise spielt Tolkien in demselben Brief auf W. H. Audens Übersiedelung nach Amerika im Jahre 1939 als Beweis für die angebliche Feigheit der Linken an. In Wirklichkeit war die "Flucht" des Dichters ein äußeres Anzeichen für dessen zunehmende Demoralisierung und die sich nun rasch vollziehende Abwendung vom Sozialismus; – der erste Schritt auf einem Weg, über den er schließlich zu einem gläubigen Christen und großen Bewunderer des Lord of the Rings werden sollte! Der "heldenhafte" Campbell seinerseits verkroch sich nach dem Krieg in Salazars Portugal und schrieb für das von Diana Mosley, der Witwe des britischen Faschistenführers, herausgegebene Magazin The European.
(10) Brief an Christopher Tolkien [29. November 1943]. In: J.R.R. Tolkien: Briefe. Nr. 52. S. 88.

Sonntag, 1. Januar 2017

Die charmante Arroganz des Randolph Carter (I)

Wenn ich an den amerikanischen Horrorfilm der 80er Jahre denke, kommen mir dabei spontan drei Sachen in den Sinn.
  1. Die explosionsartige Entwicklung des Slasher-Formats zu Beginn der Dekade, die in erster Linie dem Erfolg von Friday the 13th (1980) und den bei Flicks dieser Sorte extrem niedrigen Produktionskosten geschuldet war.
  2. Eine über die Grenzen des Slashers hinausgehende Tendenz zur "Teenage-isierung" des Genres. {Okay, die Helden/Opfer sind vielleicht nicht immer Teens, aber oft Jugendliche / Hernwachsende. Nennen wir das Phänomen einfach "Highschool + Horror."} 
  3. Das vermehrte Auftauchen von Werken, die zwar keine bloßen Parodien darstellen, sich aber durch viel Selbstironie und einen Hang zum Grotesken & Absurden auszeichnen, wie Don Coscarellis Phantasm (1979), Stuart Gordons Re-Animator (1985), Dan O'Bannons The Return of the Living Dead (1985) oder Sam Raimis Evil Dead 2 (1987).
Selbstverständlich ist die Entwicklung, die das Genre in diesem Jahrzehnt durchmachte, damit keineswegs erschöpfend charakterisiert. Aber ich denke, es sind diese typischen Eighties-Motive, die den Hintergrund abgeben, vor dem man Jean-Paul Ouellettes "Adaption" von H.P. Lovecrafts The Unnamable aus dem Jahre 1988 betrachten sollte. Dass dabei etwas herausgekommen ist, was nur wenig Ähnlichkeit mit der Kurzgeschichte des alten Gentleman aufweist, versteht sich beinah von selbst.*



Lovecrafts 1923 entstandene Story, die in ihrer erstveröffentlichten Form in Weird Tales (Juli 1925) gerade einmal fünf Seiten umfasste, lässt sich als eine Antwort des Autors an seine Kritiker interpretieren sowohl an jene, die die phantastische Literatur allgemein ablehnten, als auch an jene, die seine spezifische Spielart der Phantastik und seinen Schreibstil für "kindisch" und abstrus hielten.
Von diesem Subtext hat sich in Ouellettes Flick selbstverständlich nichts erhalten. Um so erstaunlicher ist es, dass sich die Eröffnungsszene des Films in gewisser Hinsicht ziemlich eng an die Ausgangssituation der kurzen Erzählung hält.
Viele Interpreten der Story {und ich glaube auch Alan Moore in Providence} identifizieren die alter ego - Gestalt des Schriftstellers Carter mit dem sehr viel bekannteren Lovecraft-Protagonisten Randolph Carter aus The Statement of Randolph Carter, The Dream-Quest of Unknown Kadath und The Silver Key. Dasselbe ist hier geschehen. Dabei hat sich der gute Carter (Mark Kinsey Stephenson) außerdem in einen Folkloristik-Studenten der Miskatonic University von Arkham verwandelt, der allerdings immer noch nebenbei ein paar Horrorstories schreibt {und veröffentlicht bekommt!}. Sein Diskussionspartner ist nicht länger ein religiös geprägter Hochschullehrer, sondern der Physikstudent Joel (Mark Parra), und die beiden streiten sich weniger über den Wert phantastischer Literatur, als vielmehr über den möglichen Wahrheitsgehalt von Mythen und Legenden. Auch hat sich ihnen als Dritter im Bunde ihr gemeinsamer Kumpel Howard (Charles Klausmeyer) hinzugesellt. Und doch gleicht nicht nur die Örtlichkeit ein alter Friedhof vor einem "Spukhaus" derjenigen in der Kurzgeschichte, auch der Dialog enthält eine ganze Reihe direkter Zitate aus Lovecrafts Text. Außerdem nutzt Ouellette die Zeile "a singularly noiseless bat brushed by me, and I believe it touched Manton also, for although I could not see him I felt him raise his arm" für den äußerst putzigen Auftritt einer Plastikfledermaus aus. Sehr hübsch!
Anders als bei Lovecraft endet die Szene natürlich nicht mit dem Auftritt des "Unnennbaren". {Sonst wäre der Film ja schon nach zehn Minuten zuende.} Vielmehr beschließt Joel, eine Nacht in dem vermeintlichen "Spukhaus" zu verbringen, um damit Carters "Geschwätz" über das Übernatürliche zu widerlegen. Was dieser eher amüsiert aufnimmt, auch wenn er es für eine dumme Idee hält.
Während Joel seinem frühen und blutigen Ausscheiden aus der Handlung entgegenmarschiert, kehren Carter und Howard auf den Campus der Miskatonic University zurück, wo sich der Film schon bald in einen typischen Eighties-Horrorflick verwandelt.
Als Joel am nächsten Morgen nicht an die Uni zurückkehrt, beunruhigt dies Howard sehr viel mehr als Carter, der das Ganze für einen Scherz ihres Kommilitonen hält. Derweil arrangieren zwei Fratboys Bruce (Eben Ham) & John (Blane Wheatley) ein nächtliches Stelldichein mit zwei Studentinnen Tanya (Alexandra Durrell) & Wendy (Laura Albert) in dem "Spukhaus". Ich denke, wir alle wissen, wie das ausgehen wird, oder?

Eine Gruppe von Personen in einem unheimlichen alten Haus, die der Reihe nach von irgendjemand oder irgendetwas ins Jenseits befördert werden? Dieses Szenario hat eine verdammt lange Tradition in der Welt des Kinos, die mindestens bis zu den sog. "Old Dark House" - Filmen zurückreicht, welche sich nach dem Erfolg von Paul Lenis The Cat and the Canary (1927) in den 20ern & 30ern großer Beliebtheit erfreuten.
Über die Jahrzehnte durchlief das Format selbstredend die unterschiedlichsten Wandlungen. Dabei gab es von Anfang an sowohl "mundane" als auch mit übernatürlichen Elementen angereicherte Spielarten. In The Unnamable tritt es uns in einer Gestalt entgegen, die wohl vor allem durch die Slasher-Filme populär geworden war. Mit anderen Worten, sie kombiniert das alte Konzept mit den typischen "Highschool + Horror" - Klischees. Dazu gehören auch die durchweg stereotypen Charaktere: Howard ist der "Nerd", Bruce & John die "Jocks" wobei letztere Kategorie noch einmal in den fiesen "echten" Jock und den eigentlich ganz netten Jungen zerfällt, der im Grunde bloß mitmacht, weil er "dazugehören" will. "Bad Girl" Wendy, die alles und jeden unter dem Blickwinkel des "Statusgewinns" betrachtet. "Nice Girl" Tanya, die in  Wirklichkeit in Howard verliebt ist, der anfangs aber bloß Augen für Wendy hat usw. usf. All das, und die damit unvermeidlich einhergehenden hormonellen Shenanigans, sind öde bis unerträglich, zumal Ouellette sie stellenweise auch noch mit einigen der miesesten und peinlichsten Dialogzeilen garniert, die mir in jüngster Zeit untergekommen sind. Der beste Moment ist vielleicht noch, wenn eine {zahme} Sexszene von Joels herabkullerndem Kopf unterbrochen wird, Selbstverständlich war es zu diesem Zeitpunkt längst nichts mehr originelles, auf vergleichbare Weise Sex und Gore ineinander übergehen zu lassen. Dieses Motiv geht {in meist sehr viel drastischerer Ausformung} zumindest bis auf Mario Bavas Proto-Slasher Ecologia del delitto / Bay of Blood (aka Twitch of the Death Nerve) aus dem Jahre 1971 zurück. Doch vor allem die grausig generische Musik, die dem wenig erotischen Vorspiel von Wendy und ihrem Typ unterlegt ist, lässt mich vermuten, dass Ouellettes Absicht an dieser Stelle parodistisch gewesen ist.

Warum The Unnamable sich dennoch als ein ganz unterhaltsamer und sogar recht charmanter kleiner Horrorflick entpuppt, hat zwei Gründe

Da wäre zuerst einmal das Ungeheuer. Folgt man dem Eintrag in The Lurker in the Lobby, so wurde das Monsterdesign von Debra Swihart kreiert, für die der Streifen offenbar den einzigen Ausflug in die Filmindustrie darstellte. IMDB führt sie als Kostümdesignerin auf, während für die "Special Makeup Effects" der nicht ganz unbekannte R. Christopher Biggs (u.a. Critters, Star Trek VI und {hi, hi} Super Mario Bros.) verantwortlich zeichnete. Doch wem auch immer hier genau die Lorbeeren gebühren, die "unnennbare" Kreatur eine Art monströse weibliche Satyrgestalt mit rudimentären Flügeln ist ohne Zweifel eine ziemlich eindrucksvolle Erscheinung. Zu einem wirklich erinnerungswürdigen Monstrum wird sie allerdings erst durch Darstellerin Katrin Alexandre, die den Bewegungen der Kreatur eine gruselige, beinah tänzerische Grazie verleiht.

Doch das absolute Highlight des Films ist ganz ohne Frage die Figur des Randolph Carter. 
Will man dem {leider mit keinerlei Quellenangaben versehenen} Wikipedia-Artikel Glauben schenken, so musste Jean-Paul Ouellette heftig für die Besetzung der Rolle mit Mark Kinsey Stephenson kämpfen, da seine Geldgeber angeblich der Meinung waren, der Schauspieler sei für eine Hauptrolle nicht "cosmetically suited" gewesen. Doch ganz gleich ob diese Anekdote der Wahrheit entspricht oder nicht, sein Mitwirken allein hebt The Unnamable aus der grauen Masse vergleichbarer für den VHS-Markt produzierter Horrorflicks der Zeit heraus. 
Wenn alle übrigen Charaktere eindimensionale Stereotypen sind, so ist sein Randolph Carter ein echtes Unikum. Sarkastisch, extrem selbstsicher, kühl und leidenschaftlich zugleich, dabei etwas weltfremd und emotional distanziert, strahlt er eine Art charmanter Arroganz aus, wie wir sie etwa von einem Sherlock Holmes gewohnt sind. Wenn er gemeinsam mit Howard schließlich im Winthrop-Haus aufkreuzt, ignoriert er ganz einfach das blutige Treiben um ihn herum, überlässt seinem nicht eben zum Helden geborenen Freund alle aktiven Rettungsversuche der Studentinnen & Studenten, und stürzt sich stattdessen begeistert auf die staubigen Folianten aus dem Besitz des alten Hexenmeisters, die er in dessen Studierstube entdeckt hat. Wann bekommt man schon einmal die Gelegenheit, in einer Originalausgabe des Necronomicon herumzuschmökern? Eine solche Chance lässt sich ein Randolph Carter nicht entgehen Monster hin oder her! Dass er dabei schließlich auch die rettenden Zauberformeln entdeckt, mit deren Hilfe er den Spuk zuguterletzt beenden kann {freilich erst, nachdem die Mehrzahl der Beteiligten das Zeitliche gesegnet hat}, sei nicht verschwiegen, aber seine Nonchalance gegenüber dem Gemetzel und seine alle anderen Erwägungen übertrumpfende Neugier machen ihn doch zu einem sehr eigenen "Helden".

Kein Wunder, dass Ouellette in seinem Sequel The Unnamable II (1993) Randolph Carter zum Protagonisten machen würde, der er im ersten Teil eigentlich nicht ist, auch wenn Mark Kinsey Stephenson in jeder seiner Szenen allen anderen die Show stiehlt. Ob das ausreichen würde, The Statement of Randolph Carter zu einem unterhaltsameren Film zu machen als seinen Vorgänger? Wir werden sehen ...      

* Mit Sascha Renningers Kurzfilm Shadow of the Unnamable (2011) existiert auch eine offenbar sehr viel werkgetreuere Adaption, die ich allerdings nicht aus eigener Anschauung kenne.